12.05.12

Muttertag

Verlust eines Kindes: Worte für "unsichtbare" Mütter

Jedes Jahr erleben Frauen, die ihr Kind verloren haben, den Muttertag besonders schmerzvoll. Zeit heilt nicht automatisch die Wunden.

Foto: Roland Magunia
Die Initiatorin des Gedenkplatzes auf dem Ohlsdorfer Friedhof: Susanne Schniering
Die Initiatorin des Gedenkplatzes auf dem Ohlsdorfer Friedhof: Susanne Schniering

Zum diesjährigen Muttertag bitte ich herzlich darum, einmal den "unsichtbaren Müttern" (wie eine Frau sich selbst genannt hat) einige Zeilen zu widmen. Das würde allen, die ähnlich Schmerzliches wie ich es selbst durchlitten habe, guttun. Denn wie oft müssen wir Betroffenen uns mit der Frage auseinandersetzen: "Und, haben Sie Kinder?" Einer Frage, locker gestellt innerhalb eines Gesprächs unter Menschen, die sich nicht näher kennen. Und gerade dieses Fehlen von Vertrautheit macht die Antwort schwer. Jedenfalls für alle die Frauen, die schwanger waren und dennoch kein Kind haben.

Ein schlichtes "Nein" trifft es nicht, nicht ganz. Da wuchs ein Kind heran im Bauch der werdenden Mutter und mit ihm die Hoffnung und die Zukunftspläne, vielleicht auch Ängste, aber doch immer wieder Zuversicht und Vorfreude auf das werdende Leben.

Kaum zu beschreiben ist dann der Moment, in dem das eintrifft, das viele Menschen gern aus ihrem Alltagsbewusstsein verdrängen: der Tod.

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Ich selbst habe diese Situation erlebt, vor 15 Jahren. Damals brach jeder Gedanke an Zukunft weg. Welchen Sinn konnte es noch geben? Das ersehnte Baby, unsere Wunschtochter, hatte tot in unseren Armen gelegen - ohne vorherigen ersten Schrei, ohne einmal die Augen geöffnet zu haben. Und es war Frühling, Ostern. Das Fest der Auferstehung.

Wie weiterleben? Wozu?

Als Frau kurz vor 40 war ich vertraut mit dem jahrelangen "Schönreden" meiner damaligen Kinderlosigkeit: "Dann sind eben meine Schüler meine Kinder", hatte ich - von Beruf Lehrerin - mir immer gesagt. Das hatte relativ gut funktioniert. Nach der Totgeburt meiner Tochter trug jedoch genau das mich nicht mehr. Denn jetzt forderte die Trauer ihren Platz! Lange Zeit. Wie weiterleben?

Was mir geholfen hat, war meine Idee und Gestaltung des Gedenkplatzes für nicht beerdigte Kinder auf dem Friedhof Ohlsdorf.

Ich pflege den Platz und organisiere einmal jährlich Ende September eine Gedenkstunde dort. Durch die große Resonanz wurde mir klar, dass ich nicht die Einzige bin, der so ein Schicksal bestimmt ist. Immer wieder werde ich angesprochen von Frauen, denen Ähnliches widerfuhr. In Ohlsdorf entdecke ich bei jedem Besuch des Gedenkplatzes Spuren anderer Trauernder: Kerzen, Engel, liebevoll bemalte Steine, Karten und Blumen. Beatrice Charen, die Schweizer Bildhauerin der wunderschönen Skulptur aus weißem Marmor auf einem Sockel, sagte anlässlich ihres Besuchs in Hamburg, sie denke auch heute, nach den vielen Jahren des Bestehens mit Dankbarkeit und Freude an diesen Ort, an den auch sie ihre Trauer um ein totes Kind tragen kann.

Für mich war auch das Schreiben eine hilfreiche Quelle, zunächst in Form von "Briefen an mein Kind", dann in Tagebüchern. 2001 erschien mein Buch "Ich trage Dich in meinem Herzen".

Die Jahre über haben mich immer Gedanken beschäftigt, wie meine Tochter wohl jetzt wäre. In meiner Vorstellung ist sie einerseits Baby geblieben, andererseits mitgewachsen. Aktuell hätte ich jetzt einen pubertierenden Teenager. Vielleicht wäre das auch nicht immer einfach, aber diese Sorgen hätte ich gern in Kauf genommen.

Anlässlich des Muttertags 1999 durfte ich an dieser Stelle einen Artikel über die geplante Einrichtung des Gedenkplatzes samt Spendenaufruf, der sehr erfolgreich war, veröffentlichen. Dafür bin ich dankbar. Und heute?

"Zeit heilt alle Wunden." Diesen Satz kann ich so nicht stehen lassen. Zeit heilt nicht automatisch. Der Schmerz, dieser Moment des Entsetzens und der grenzenlosen Verzweiflung, der ist immer wieder spürbar. Ich trage auch ihn in meinem Herzen, ebenso wie die Erinnerung an mein Kind, das nicht leben durfte.

Aber dieser Schmerz beherrscht nicht mehr meinen Alltag. Es darf wieder Frühling werden. Ich lerne, Frieden zu schließen mit der eigenen Geschichte und anzuerkennen, dass das, was uns geschieht, zu uns gehört. Ohne nach dem Warum zu fragen. Ohne mich mit anderen zu vergleichen. Aber auch andere teilhaben zu lassen an meinem Leben. Ich entscheide ob nur an den Höhen oder auch an den Tiefen.

"Haben Sie Kinder?" - "Keine lebenden." Das könnte eine Antwort sein.

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