21.04.12

Verein "Hände für Kinder"

Ein Kupferhof zum Atemholen für Kinder

Eine Vision wird Wirklichkeit. Der Verein "Hände für Kinder" baut das Haus zu einer Kurzzeitbetreuung für schwerstbehinderte Kinder um.

Foto: Patrick Piel/Piel
Frank Stangenberg und Steffen Schumann mit Noah (r.) vor dem "Kupferhof", der jetzt umgebaut werden soll
Frank Stangenberg und Steffen Schumann mit Noah (r.) vor dem "Kupferhof", der jetzt umgebaut werden soll

Steffen Schumann glaubt nicht an Wunder. Aber an Fügung vielleicht. Und daran, dass alles im Leben seinen Sinn haben muss. Dass Wege vorgezeichnet sind und man bereit sein muss, sie zu gehen - ganz gleich wie steinig sie auch sein mögen.

Am Anfang dieses Weges stand Steffen Schumann in Jogginghose und Kapuzenpulli im Duvenstedter Brook. Das war im Dezember 2008. Er stand dort in der Dämmerung und sah dieses herrschaftliche Haus - den Kupferhof in Wohldorf, eine ehemalige Tagungsstätte der Stadt. Wenige Monate zuvor hatte er gemeinsam mit Frank Stangenberg den Verein "Hände für Kinder" gegründet. Die Väter, die beide einen schwerstbehinderten Sohn haben, hatten eine Vision: Sie wollten einen Ort schaffen, an dem schwerstbehinderte Kinder für einen kurzen Zeitraum betreut werden. Ein Haus, in dem auch Eltern und Geschwister abschalten, durchatmen und Kraft tanken können. Als Steffen Schumann vor dem Kupferhof stand, hatte er diesen Ort gefunden, der einen Traum für rund 10 000 schwerbehinderte Kinder und Jugendliche im Hamburger Einzugsgebiet, ihre Familien, Mutter, Vater und Geschwister, wahrmachen sollte. Steffen Schumann wusste, dieser Weg würde steinig sein. Er war bereit, ihn einzuschlagen.

Der Tag, an dem Steffen Schumann am Rande seiner Joggingrunde beschloss, "mit kindlicher Naivität und ohne kaufmännisches Kalkül" seinen Traum vom "Kupferhof" zu verwirklichen, liegt 40 Monate zurück. 40 Monate, in denen der Verein scheinbar Unmögliches erreicht hat: Das Gebäude konnte erworben werden, es wurden Spenden in Höhe von 900 000 Euro gesammelt, die Finanzierung des laufenden Betriebs durch die Sozialbehörde und die Pflegekasse gesichert. Das Architekturbüro Henke & Partner hat kostenfrei die komplette Umbauplanung gemacht. Und obwohl immer noch rund 500 000 Euro fehlen, wollen Steffen Schumann und Frank Stangenberg jetzt den Umbau starten.

Steffen Schumann weiß aus eigener Erfahrung, wie kostbar eine Auszeit sein kann und wie wichtig es für den Zusammenhalt der Familie ist, die Verantwortung für ein schwerstbehindertes Kind für ein paar Tage im Jahr abzugeben. Gemeinsam mit seiner Frau hat er drei Kinder. Noah, der Jüngste, ist sechs Jahre alt. Der Junge ist schwerstbehindert. Er leidet an einem seltenen Gendefekt, dem Marshall-Smith-Syndrom. Noah wird nie sprechen können, nie laufen. Seinen Kopf kann er kaum auf dem Körper halten. Seine Knochen sind zerbrechlich. Er bekommt keine Luft, kann nicht trinken und nicht richtig essen. Noah wäre ohne Rundumbetreuung nicht einen Tag lebensfähig. Er braucht seine Eltern am Tag und in der Nacht. Es gibt Tage, da funktionieren die Eltern nur noch. Sie haben gelernt, als Paar zurückzustecken. "Nichts ist mehr selbstverständlich", sagt Steffen Schumann. Eine Nacht durchschlafen - undenkbar. Einen Tag an die Ostsee fahren - unmöglich. Freunde besuchen - nur ohne Partner.

Ein paar Mal konnten sie Noah ausnahmsweise im Hospiz unterbringen, obwohl er nicht lebensbedrohlich erkrankt ist. "Diese Tage haben uns neue Kraft gegeben, weiterzumachen - als Paar und als Familie", sagt Schumann. Eine andere Möglichkeit der Kurzzeit-Unterbringung gibt es für Familien mit schwerstbehinderten Kindern in Hamburg nicht.

Für Steffen Schumann war irgendwann klar, dass sich das ändern muss. Er begann, sein Schicksal als Aufgabe zu begreifen: "Das Kind ist uns in die Wiege gelegt worden, mit allem was daran hängt. Und irgendwann habe ich begriffen, dass es an mir liegt, daraus etwas zu machen." Die einen mögen es einen Zufall nennen, für Steffen Schumann war es "Fügung", dass er Frank Stangenberg kennenlernte, der ebenfalls einen behinderten Sohn hatte. Dass er den Kupferhof entdeckte, dieses Gebäude ausgerechnet zu jenem Zeitpunkt zum Verkauf stand. Und dass der Verein ihn tatsächlich erwerben konnte, weil alle anderen Investoren absprangen. Möglich war all das nur, weil sich immer mehr Menschen hinter das Projekt stellten. Die Haspa Hamburg Stiftung, das Hamburger Spendenparlament, die Stadt, der Abendblatt-Verein "Kinder helfen Kindern" und viele Tausend Hamburger unterstützten die Idee vom Kupferhof. Seit dem 1. Januar 2012 gehört das Gebäude samt Park dem Verein "Hände für Kinder". Im Frühjahr 2013 sollen die zwölf Kurzzeit-Wohnplätze bezugsfertig sein. Ob sein Sohn dort auch einmal zu Gast sein wird? Der junge Vater glaubt nicht an Wunder. Aber daran, dass alles seinen Sinn hat. Die Ärzte hatten dem Jungen bei der Geburt nicht mehr als zwei Jahre gegeben. Heute ist Noah sechs.

Hände für Kinder e. V., Sthamerstraße 69a, 22397 Hamburg, Tel. 605 40 41, www.haendefuerkinder.de , Konto: Haspa, 1034 243 962, BLZ 20 505 50.

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