Familie
Scheidungen in Hamburg: Auch unser Glück ist zerbrochen
2010 wurden in Hamburg 7452 Ehen geschlossen, 3659 Ehen geschieden. Die Gründe sind vielfältig. Selbst Rentner lassen sich scheiden.
Hamburg. Es ist die dritte junge Familie, die im Freundeskreis unserer Kinder zerbricht. Meine Schwester rief mich am Wochenende verzweifelt an, ihre Tochter hätte ihr mitgeteilt: "Du, auch unser Glück ist zerbrochen. Jost (ihr Mann) hat eine andere."
Ich kann gar nicht beschreiben, wie mir zumute ist, wie entsetzt ich über das Scheitern so vieler junger Ehen bin, die doch alle in Liebe, mit Träumen und Plänen so hoffnungsvoll begonnen haben. Meine Schwester weint nur noch in ihrer Sorge, was aus den beiden kleinen Enkelkindern werden wird. Warum zerbrechen immer mehr Ehen und junge Familien? Warum? Anne D.
Antwort: Auch mich beschäftigt diese Frage sehr, liebe Frau D. Auch wenn die Gesetze heute eine Scheidung recht problemlos ermöglichen, ist sie kein Vorgang ohne Konsequenzen. Sie hinterlässt bei allen Beteiligten Spuren und oft tiefe Wunden. Die gemeinsamen Kinder werden durch die Scheidung innerlich zweigeteilt, sie gehören zu beiden Eltern, und sie lieben beide. Für sie kann die Trennung nur Leid bedeuten.
Ja, die Zahlen sind dramatisch. Allein im Jahr 2010 wurden in Hamburg 7452 Ehen geschlossen und 3659 geschieden. Die Botschaft ist klar: Es fällt immer schwerer, eine Ehe ein Leben lang zu führen. Warum? Die Glückserwartungen sind zu hoch. Und unsere Wertvorstellungen haben sich nachhaltig verändert: "Bis dass der Tod euch scheidet", ist kein bindender, ja zwingender göttlicher Auftrag mehr wie früher, sondern viel eher nur noch Formel - und ein Ehering zeigt auch kein Tabu mehr an. Man fühlt sich eher unabhängig als gebunden - besonders Frauen fühlten sich noch nie so frei wie heute. Sie sind gut ausgebildet, verdienen eigenes Geld und letztlich: Auch die Pille macht frei.
"Die Gründe für das Scheitern so vieler Ehen sind vielfältig", weiß auch die Hamburger Familienanwältin Astrid Weinreich aus ihrer langjährigen Praxis. "Es sind Mangel an Respekt und Achtung", sagt sie, "häufig verbunden mit mangelnder Kommunikation und Toleranz und gegenseitigem Desinteresse. Man lebt nebeneinander her, ist häufig nur noch wegen der Kinder zusammen. Gemeinsame Interessen und Aktivitäten werden weniger. Häufig werden als Grund für die Trennung finanzielle Probleme genannt, aber auch Gewalt in der Ehe ist ein Thema. Letzteres muss sie nicht zwangsläufig in Form von körperlicher Gewalt zum Ausdruck kommen, sondern kann auch in psychischer Hinsicht erfolgen. Alkoholprobleme und die damit verbundenen Ausfallerscheinungen sind ebenso häufig ein Trennungsgrund wie außereheliche Beziehungen eines Ehepartners.
Viele Ehepaare heiraten überstürzt, ohne sich gut genug zu kennen. Eine überstürzte Eheschließung kommt umso häufiger vor, wenn bereits ein gemeinsames Kind unterwegs ist. Sofern die Eheleute ein gemeinsames Kind haben, bemühen sie sich zwar tendenziell zusammenzubleiben, um dem Kind eine Trennung der Eltern zu ersparen. Das funktioniert jedoch nicht immer, da von 187 027 Scheidungen im Jahre 2010 91 455 Scheidungen mit minderjährigen Kindern waren. Viele Scheidungen erfolgen auch noch nach langjähriger Ehe, wenn die Kinder aus dem Haus gehen.
Selbst bei Ehepartnern im Rentenalter nehmen die Scheidungen zu. Der Grund liegt wohl darin begründet, dass bei Ehegatten, die durch den Renteneintritt zwangsläufig mehr Zeit miteinander verbringen, noch deutlicher zutage tritt, wenn sie nicht zueinander passen und die Bereitschaft abnimmt, die letzten Lebensjahre in einer Partnerschaft zu verbringen, bei der die Liebe erloschen ist." ( www.astrid-weinreich.de ; Tel. 86 66 31 09)
Und doch ist die Sehnsucht nach einer glücklichen Ehe, Familie und Partnerschaft ungebrochen. 80 Prozent der Jüngeren sehen in ihr eine der wichtigsten Sinnquellen für ihr Leben.
Was aber tun wir dafür? Erkennen wir wirklich den anderen als gleichberechtigten Partner mit all seinen Bedürfnissen, Wünschen und Eigenheiten an? Liegt es an unseren überhöhten Glückserwartungen und am Verlust von Tugenden wie Geduld, Verzicht und Verantwortung? Daran, dass wir zwar sehr viel erwarten, aber nicht immer bereit sind, zu geben - auch ohne Gegenleistung?
Hier, meine ich, gilt es anzusetzen und immer wieder einmal unser Verhalten zu überprüfen, wenn wir unsere Ehe und Familie erhalten wollen. Um dann wie Heinz Rühmann vielleicht eines Tages von der Ehe als "Paradies" sprechen zu können.

















