Die "Hamburger Kinderwünsche" machen seit 15 Jahren kleinen Patienten im Universitätskran- kenhaus Eppendorf ein wenig neuen Mut und tragen damit manchmal sogar zu ihrer Heilung bei.
ie sind Kinder, klein und krank. Und sie kämpfen. Sie haben vielleicht eine Chemotherapie oder eine Amputation hinter sich, warten möglicherweise auf eine Nieren-Transplantation oder eine neue Leber. Aber ihre Wünsche sind so bunt wie ihre Fantasie. Einmal im Heißluftballon fahren, einmal Thomas Gottschalk treffen, einmal bei McDonald's Geburtstag feiern, einmal Hubschrauber fliegen, einmal beim HSV-Training dabei sein, einmal ins "Phantasialand" reisen . . . Die "Hamburger Kinderwünsche" von Heike Jacobi lassen die unter Schmerzen geborenen Träume wahr werden. 15 Jahre lang hat sie nun schon kleine Patienten des Universitäts-Klinikums Eppendorf (UKE) im Visier der Nächstenliebe. Hunderte von Wünschen wurden erfüllt. Der dreijährige Daniel erhielt ein Elektro-Mobil zum Selbstfahren. Raffaela (14), deren ganzer Körper von Rheuma entzündet war, stand im Hamburger Operettenhaus als Katze verkleidet im Musical "Cats" auf der Bühne. Und der siebenjährige Donnachad (Lymphdrüsenkrebs) flog auf die Azoren, um Wale in freier Wildbahn zu erleben. "Das Schönste, was uns bisher widerfahren ist", berichtete seine Mutter, und ihr Sohn fügte hinzu: "Ich weiß nicht, wie ich danken soll, weil ich doll Herzklopfen habe." Mit jedem Wunsch, der sich erfüllt, wird für einen kurzen Moment Licht in das Dunkel eines schweren Schicksals getragen. Ein Tropfen neuer Mut wird eingeflößt. Zuweilen verbessern sich sogar die klinischen Werte. "Die ,Hamburger Kinderwünsche' gehören zu den Highlights der Therapie", stellte die Psychologin Susanne Lilienthal vom UKE fest: "Die Kinder haben wieder ein Ziel vor Augen." Die Mutter des kleinen Nico, der kurz nach einem Helikopterflug operiert werden musste, erlebte erleichtert, dass "seine Begeisterung einfach größer war als seine Angst vor der Operation". Clarissa erhielt ein Puppenhaus und Sebastian ein Trikot von "Hansa Rostock". Sabrina durfte in den Backstage- Bereich von "The Dome" und Arne in einem Lamborghini mitfahren. Michael bedankte sich für ein Computerspiel, Yasmin für ein Fahrrad und Nadine für Ferien mit Eltern und Bruder auf einem Bauernhof - nach einer Chemotherapie: "Meine Haare sind auch schon richtig am Wachsen, bald kann ich wieder ohne Mütze gehen." Seit die Malerin Heike Jacobi ihre ehrenamtliche Arbeit begann, haben ihr Freundinnen zur Seite gestanden, erst lange Jahre Helga Platte und Monika Ziegenbein, heute Sabine Neumann und Katharina Hoyer: "Ohne sie, die mir selbstlos halfen, hätte ich es nie geschafft", sagt Heike Jacobi dankbar. Viele der leidenden Eltern sind psychisch oder finanziell kaum in der Lage, manche spezielle Wünsche ihrer Kinder zu erfüllen; andere haben zuweilen nicht die notwendigen Kontakte. Da helfen die "Hamburger Kinderwünsche" so gut sie können. Jenny träumte von Otto Waalkes; er besuchte sie sogleich in der Klinik. Rolf Zuckowski ließ einen kranken Fan in seinem Chor mitsingen. Markus und sein Bruder trafen Nationaltorwart Oliver Kahn in München, Benjamin, Andre und Julian begegneten Weltmeister Michael Schumacher auf dem Nürburgring. "Noch heute, nach drei Jahren, spricht Benjamin immer wieder begeistert von diesem Erlebnis", schreibt seine Mutter diesen Sommer: "Niemals hätten wir für möglich gehalten, dass unserem Sohn Benjamin solch ein Wunsch erfüllt werden könnte." "Manchmal ist es schon schwierig, doch bisher haben wir noch jeden Wunsch erfüllt", erzählt Katharina Hoyer. Und Sabine Neumann setzt hinzu. "Die Augen dieser Kinder strahlen Dank aus, wie andere Augen es längst verlernt haben." Als die "Hamburger Kinderwünsche" ihrem Sorgenkind Yasmin Autogramm und gute Wünsche des Sängers Wolfgang Petry übermittelten, antwortete Yasmin postwendend: "Vor Begeisterung über die Grüße von Wolfgang Petry wäre ich fast aus dem Rollstuhl gefallen." Die Cousinen Lucy und Laura wünschten sich, den "No Angels" zu begegnen. Die Gruppe kam ins UKE, verteilte Autogramme und CDs. "Meine Cousine hat das alles so überwältigt", heißt es in Lisas Brief darüber, "dass sie vor lauter Freude weinte . . . Als ich sah, wie Laura sich freute, musste ich auch weinen." Als die kleine Jenny einen Tag bei Radio Hamburg mitmachen durfte, meinte ihre Mutter: "Ich glaube, dass dieser Tag einer ihrer glücklichsten seit ihrer Tumorerkrankung war." Alle Kinder, die es können, werden von "Hamburger Kinderwünsche" gebeten, ein Bild von ihrem größten Wunsch zu malen. "Oft bin ich berührt, wie bescheiden die Wünsche der Kinder sind, wie Buntstifte, Legosteine, eine Puppe, eine Kuscheldecke oder ein Kuscheltier", sagt Heike Jacobi, "und wie groß die Hilfsbereitschaft der Menschen ist." Die "Hamburger Kinderwünsche" werden von "Kinder helfen Kindern e.V." des Hamburger Abendblattes unterstützt. Spenden gütiger Menschen machen ihre Arbeit möglich. Als die achtjährige Stefanie ihre beste Freundin in London wiedersehen wollte, lud die Lufthansa sie ein. Und die Frauenzeitschrift "Brigitte" stattete drei krebskranke Teenager, die einmal wie Fotomodelle aussehen wollten, mit Wimpern und einer Perücke aus, ließ sie schminken, einkleiden und fotografieren - Aufnahmen, die die drei jungen Mädchen "total glücklich" machten. Zuweilen überwindet die Freude sogar den Tod. Die siebenjährige Melissa hatte sich einen zweitägigen Ausflug mit Eltern und Zwillingsbruder Pascal ins Legoland nach Dänemark gewünscht. Doch ihr Herz stand vorher still. Die Eltern entschieden sich schon wegen des Zwillingsbruders, der Einladung dennoch zu folgen - und Pascal war davon überzeugt, dass Melissa die ganze Zeit dabei war. "Pascal," schrieb die Mutter nach der Rückkehr, "war fest der Meinung, dass Melissa bei uns ist und ihr das auch alles sehr viel Spaß macht . . . Pascal ist immer noch begeistert davon. Laut seinen Angaben war es für Melissa auch sehr schön . . ." Heike Jacobi legt den Brief beiseite: "Anfangs war ich nicht sicher, ob ich durchhalten würde. So groß ist das Leid, das man erblickt. Mein erster Schützling Sandra ist inzwischen eine junge Dame - und wartet auf ihre siebte Niere. Aber die Dankbarkeit, die einem nach einem erfüllten Wunsch entgegenschlägt, schenkt einem immer neue Kraft." Und so weh es tut, wenn einer ihrer kleinen Patienten in eine jenseitige Welt wandert, so glücklich macht es sie, wenn ein anderer als geheilt in unsere Welt entlassen wird.





