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Schüler machen Zeitung

Schüler machen Zeitung

Schönes neues Hamburg

Wie werden wir im Jahr 2030 leben? Julian Gricksch, Jahrgang 1996, kommt die Zukunft sehr bekannt vor...

Julian Griksch, vom Gymnasium Osterbek
Foto: HA / A.Laible/HA

Hamburg. Wir schreiben das Jahr 2030. Hamburg entdeckt sich neu, und das nur zehn Jahre nach dem großen Stadt-Bankrott. Dank zahlreicher Sponsoren strahlen unsere Wahrzeichen in neuem Glanz. Und nichtnurdas: Der Microsoft-Turm( früherbekanntalsMichel), das Disney-Erlebnisbad (Ex-Alster) oder der Toyota-Stieg( einst Mönckebergstraße) haben Hamburg zum hippsten Touristenziel Europas gemacht. Es gibt 700 chinesische Touristen pro Quadratkilometer. Deren liebstes Fotomotiv ist jedoch nicht eine der obigen Sehenswürdigkeiten, sondern die Ruine der Elbphilharmonie, in der unser ehemaliger Bürgermeister Ole von Beust inzwischen seinen Wohnsitz hat. Hamburg ist also wieder auf dem Weg nach oben, und weil wir fleißig Müll trennen, Wasser sparen und unsere Sportwagen brav mit Biokraftstoff betanken, hat Kanzler Özdemir uns jüngst sogar zur "Grünen Hauptstadt" ernannt.

Der Hip-Hopper in Basecap, Goldkettchen und zu weiter Schlabberhose hat in Hamburg den gegelten Yuppie von früher ersetzt. Sein natürlicher Lebensraum: die HafenCity. Hier findet der Geschäftsmann seine Grundnahrung( Hamburger mit Straußenfleisch, dazu 2010er Wodka Red-Bull, krasser Jahrgang) sowie seinen Wohn- und Arbeitsplatz (eigenes Büro mit wunderbarem Panorama auf die Elbe, kostet allerdings das Bruttoinlandsprodukt Kenias). Extrem praktisch findet der Hip-Hopper die hochglänzenden Glasfassaden der HafenCity, in denen er beim Gassigehen mit dem Pitbull den Sitz seiner Sonnenbrille überprüfen und nachschauen kann, ob eine seiner fünf Rolex geklaut wurde.

Das Gegenteil der HafenCity ist nach wie vor die Schanze. Hier wird der Mensch noch nicht nach dem Inhalt seines Portemonnaies beurteilt, sogar die Gentrifikation hat das Viertel aufhalten können( was an das wundervoll-altmodische Plakat" Gegen Gentrifidingsbums!" erinnert, das früher einige Gebäude dort schmückte). Sie suchen germanische Trinkhörner, Mehlwürmer-Snacks, Hippiegewänder und persische Trommeln? In der Schanze werden Sie fündig - in einem einzigen Laden. Und natürlich gibt es die Rote Flora noch. Allerdings ist sie schon lange kein Treffpunkt der jungen alternativen Bewegung mehr, sondern ein Seniorenheim, wo sie den Verlust ihrer langen Haare und die Angepasstheit der Jugend bedauern. In Gedenken an die alten Zeiten ketten sie sich bzw. ihre Prothesen an Bäume, die gefällt werden sollen, führen Parkbankbesetzungen durch und organisieren Demos gegen Hundekot in Grünanlagen. Abends werden sie von ihren Pflegern wieder zur Flora gebracht und bekommen Beruhigungstabletten, die sie aber nur nehmen, weil man ihnen sagt, es sei Ecstasy.

Die Jugendlichen von 2010 sind die Arbeitnehmer von 2030. Sie haben sich verändert, so, wie es zu erwarten war und wie es alle Generationen vor ihnen auch schon gemacht haben. Etwas ist allerdings hängen geblieben: ihre Sprache. Ein typischer Dialog zwischen einem "Haspa"-Angestellten und seinem Chef, beide Mitte 30.

Chef: "Herr Schubert, was gammeln Sie denn so rum, Digga? Ey, die Aufträge müssen heute noch raus, gecheckt?"

Angestellter: "Entschuldigung, Alter, kommt nicht wieder vor. Halten Sie mich bitte nicht für ein Opfer."

Chef: "Nein, natürlich nicht. Sie haben ja jetzt derbe was zu tun." Angestellter: "Genau! Bin ja nicht hobbylos." Die Kids von 2030 schütteln bei solch spießigen Dialogen den Kopf. Und was machen Hamburgs Promis 2030? Tim Mälzer zum Beispiel hat sich abgewandt vom anstrengenden Leben eines Fernsehkochs. Er hat eine Logopädieschule gegründet und will Hamburg zur lispelfreien Stadt machen. Jan Delay produziert immer noch Musik-allerdings fühlt er sich mit seinen 54 Jahren zu alt für Funk und spielt jetzt Tuba in einem Blasorchester. Für Hamburgs Schauspieler war es wesentlich schwerer: Nachdem die Stadt 2020 endgültig pleitegegangen war, wurde den Theatern der Geldhahn zugedreht. Da sich für das leerstehende Schauspielhaus keine Investoren fanden (zu wenig Glas, zu unmodern), ist es seitdem komplett verwildert.

Heute veranstalten die Reiseausstatter von Globetrotter hier Survivalcamps: Die Teilnehmer müssen sich auf 23 verschiedene Gift-Efeuarten, seltene Spinnen und herunterfallende Logen gefasst machen. Es wird sogar von Geheimgängen und Falltüren gemunkelt-angeblich führen sie zu einer unterirdischen Halle, in der die Schauspieler einst mit dem Altonaer Museum den bewaffneten Widerstand planten. Höhepunkt der Kultur-Revolte gegen die Sparmaßnahmen war 2018 der Sturm auf das Rathaus-der scheiterte jedoch, weil die voranstürmenden Pantomimen gegen eine unsichtbare Wand prallten. Berufskrankheit! Heute schlagen sich die Altstars des Schauspielhauses mit Gelegenheitsjobs auf Kindergeburtstagen durch. Und was ist mit dem ehemaligen Kultursenator Hamburgs, Reinhard Stuth? Man weiß es nicht. Er hatte dank seines Sparkurses 2010 die Protestwelle mitzuverantworten, befindet sich aber seit 20 Jahren hauptberuflich im Urlaub.

Mit dem Tod der Theater boomte das Musical. Wer sich heute das reichhaltige Angebot auf St. Pauli ansieht, der hat es nicht mehr nötig, den Broadway in New York zu besuchen. So feiert zur Zeit auf der Reeperbahn ein Musical für Nostalgiker gigantischen Erfolg: die Biografie von" Lady Gaga". Sie erinnern sich? Diese abgehalfterte Popsängerin, die ihre letzten Jahre in einer psychiatrischen Klinik verbracht hat. In dem Stück kommen unter anderem ein überdimensionaler Mixer, zwei Meter große Hamster und zwölf Kilo Schlagsahne vor. Es wurde von der Künstlerin selbst geschrieben.

Musicals sind aber natürlich nicht das Einzige, was Hamburg 2030 wieder zu einer stolzen Stadt gemacht hat. Man muss mit dem Wassertaxi nur wenige Meter fahren, um unberührte Natur zu erleben. Es gibt reichlich Sehenswürdigkeiten, schöne Plätze, eine Vielzahl von Clubs, Kneipen, Restaurants. Ob es Hamburg jedoch gelingen wird, seinen Charme für die nächsten 20 Jahre zu bewahren, liegt in der Hand der Bürger: Wenn wir ein Wohnort für Reiche werden, wenn wir die Kultur einmotten und dafür die Hälfte der Stadt verglasen, dann hilft auch kein Musical - dann hat die Stadt keine Zukunft.

 

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