Gewinnertext
Wo Menschen auf der Straße lächeln
Die Spuren des Krieges sind noch überall in Vietnam sichtbar, ein Museum in Saigon erinnert daran. Doch die neue Generation schaut lieber in die Zukunft.
Karla Drevet: Preisträgerin "Schüler machen Zeitung" Hamburger Abendblatt.
Foto: Michael Rauhe
Hamburg. Das Land der guten Hoffnung
Vietnam. Ein armes Land? Vielleicht. Ein trauriges Land? Nein. Ein hoffnungsloses Land?
Auf gar keinen Fall! Die Vietnamesen sagen: "Wieso böse auf die Amerikaner sein? Das ist eine neue Generation, neue Menschen. Wir sind nicht nachtragend, wir sind Vietnamesen." Als Erklärung. Einfach so. Ihr Land wurde zerstört. Mit Napalmbomben abgeschossen. Mit 75 Millionen Litern Agent Orange, einer Entlaubungs-Chemikalie, übergossen. Viele Menschen starben, unzählige kommen selbst jetzt noch geistig oder körperlich behindert auf die Welt.
Aber die Menschen in Vietnam blicken optimistisch in die Zukunft. Wenn man ihnen als Ausländer über den Weg läuft, lachen sie. Nicht über dich, sondern mit dir. Laden dich zum Tee ein, bieten dir Essen oder eine kostenlose Stadtführung an.
Ich war 2005 mit meiner Familie in Vietnam. Auf einer Reise durch dieses Land lernt man viel, vor allem über die Menschen. Sie sind ganz anders als die Deutschen. Viel offenherziger. Sie gehen viel auf andere zu und haben eine große Vorliebe für Karaoke. Außerdem ist es nie wirklich leise in den Straßen, denn dort gilt die Regel: "Wer bremst, ist feige." Also wird, statt das Tempo zu drosseln, lieber gehupt. Fahrradfahren in Vietnam bedeutet, sich ohne Angst in das Meer von Hunderten anderer Fahrräder und Mopeds einzufädeln. Nur Busse, Lkws und ein paar Autos stören diesen Fluss.
Natürlich sieht man, wenn man die Straßen entlangfährt oder geht, überall die Zeichen und Überbleibsel des noch gar nicht so lange zurückliegenden Krieges, der hier von 1960 bis 1975 zwischen Süd-Vietnam und den nordvietnamesischen Kommunisten (Vietcong) gewütet hat. Während des Krieges versprühten die USA, die auf der Seite Südvietnams waren, Agent Orange, eine Chemikalie zum Entlauben der dichten Wälder, über Nordvietnam und warfen auch die Napalmbomben darüber ab.
Jetzt gibt es in Vietnam kaum alte Bäume, dafür aber viele Ruinen und obdachlose Menschen. Auch die Gebäude, Markthallen und Häuser sehen sehr viel ärmer aus als in Deutschland.
In Saigon, auch Ho-Chi-Minh-City genannt, gibt es ein Kriegsmuseum. Das War Remnants Museum. Dort gibt es Säle voller Bilder und Fotos von grausam zugerichteten Menschen, von amerikanischen und vietnamesischen Soldaten, von brennenden Dörfern und unterirdischen Gängen, von Toten und Überlebenden.
Draußen stehen mehrere alte Flugzeuge. Orden, Taschenmesser, Soldatenhelme und andere Militärrequisiten gibt es im Original in dem kleinen Museumsshop zu kaufen. Durch das Museum laufen mehrere junge "Friedensbrigaden". Sie gehen auf die Besucher zu und bieten an, mit ihnen über die Eindrücke des Museums zu sprechen. Einige Besucher weinen über all diese Traurigkeit und Grausamkeit der Bilder.
Auch wenn ein Besuch in diesem Museum sehr schmerzhaft sein kann, darf man nicht in Saigon gewesen sein, ohne dieses Museum besichtigt zu haben. Erst hier lernt man zu verstehen, was in diesem Land wirklich geschehen ist.
Diese Bilder lassen einen nicht mehr los. Ich selbst werde sie niemals vergessen. Bilder, auf denen ein amerikanischer Soldat ein kleines Kind in die Luft hält und gnadenlos mit dem Maschinengewehr darauf schießt. Oder Bilder von Mönchen, die sich aus Protest selbst verbrennen, mit der Hoffnung auf das Gute.
Manchmal fragt man sich, wie jemand derartige Gräueltaten fotografieren kann, ohne einzugreifen. Andererseits sind diese Bilder sehr wichtig für die Menschheit. Wenn es solche Fotos nicht gäbe, könnte man nie sehen, wie schrecklich und grausam der Krieg wirklich ist.
Vielleicht fühlt sich der Fotograf hinter einer Kameralinse sicherer und geschützter. Als Zuschauer, der nur zuguckt, der nichts mit dem vor ihm ablaufenden Geschehen zu tun hat.
Die Vietnamesen vergessen ihre Vergangenheit nicht, sie akzeptieren sie einfach und leben mit diesem Teil ihrer Geschichte weiter. Sind trotzdem glücklich, und sie gehen fast immer mit einem Lächeln durch die Straßen von Saigon.




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