22.11.12

Hamburg-Mitte

Leiche aus der Norderelbe - Ein Mord, der keiner war

Ein Angler hatte den in einen Sack verpackten Körper eines Mannes im Juni aus der Elbe gezogen. Der Fund gab Rätsel auf - bis jetzt.

Von Jan-Eric Lindner
Foto: Michael Arning
Bestatter und Ermittler bringen die Leiche von Ulrich S. vom Ufer der Norderelbe zur Straße. Nach langen Ermittlungen steht fest: Er hat sich selbst getötet
Bestatter und Ermittler bringen die Leiche von Ulrich S. vom Ufer der Norderelbe zur Straße. Nach langen Ermittlungen steht fest: Er hat sich selbst getötet

Hamburg. Es war der einzige noch offene Fall aus dem ersten Halbjahr 2012, den die Ermittler der Mordkommission auf dem Tisch hatten - und zugleich der mysteriöseste: Am 28. Juni hatte ein Angler die Leiche des 43-jährigen Ulrich S. in Rothenburgsort aus dem Wasser der Norderelbe gezogen. Der Körper des schmächtigen Mannes war in einen Leinensack eingenäht, auf dem Rücken des Toten war ein mit Steinen befüllter Rucksack festgeschnallt. Der Kopf des Mannes aus Harburg war durchschossen.

Jetzt kam heraus: Entgegen ersten Annahmen wurde Ulrich S. nicht das Opfer eines Mordes oder eines Totschlags. Er fügte sich den Kopfschuss offenbar selbst zu, nachdem er sich mit Kabelbindern in einen Leinensack eingenäht hatte. Lange hatten die Ermittler sich keinen Reim auf die merkwürdigen Umstände machen können, unter denen Ulrich S. zu Tode gekommen war - und unter denen er seine letzten Tage verbracht hatte. Als sie die Einzimmerwohnung des Mannes an der Radickestraße (Wilstorf) aufbrachen, fanden sie darin - nichts. In dem angemieteten Apartment war kein einziges Möbelstück, keine Kleidung, es gab keine persönlichen Gegenstände. Die Wohnung war sauber und ordentlich hinterlassen worden, die Wände waren frisch gestrichen. Unweigerlich stellte sich die Frage: Hat S. die Wohnung selbst in diesen Zustand versetzt oder waren es Täter, die auf diese Weise ihre Spuren beseitigen wollten?

Ulrich S. hatte offenbar keine Freunde, auch von seiner Familie hatte sich der Einzelgänger distanziert. Es gab so gut wie niemanden, der Hinweise über Leben oder Tod des 42-Jährigen geben konnte. Auch das Tattoo des Mannes brachte die Ermittler nicht entscheidend weiter. Erst nachdem es gelungen war, die Fingerabdrücke des Toten zu sichern, war seine Identität geklärt worden. Zuvor hatte die Leiche im Sack als "unbekannter Toter" gegolten - zu dem es keine einzige Vermisstenanzeige gab.

Bekannt war über S. lediglich, dass er in Harburg häufiger mit dem Bus unterwegs war und ein Internetcafé in der Harburger Innenstadt besuchte. Der entscheidende Hinweis fand sich offenbar, als es den Beamten gelang, mehr über das Vorleben des 42-Jährigen herauszufinden. S., der im Jahr 2008 aus Berlin nach Hamburg gezogen war, hatte offenbar schon einmal einen Suizidversuch unternommen: In Berlin war er mit dem Auto gegen eine Mauer gefahren. Auch vor diesem Zwischenfall hatte S. seine damalige Wohnung frisch renoviert - so, als wolle er vermeiden, dass jemand durch seinen Tod Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen müsse.

Wie die Ermittler schließlich herausfanden, muss sich Ulrich S. an einem nicht exakt zu benennenden Zeitpunkt auf das Geländer einer Brücke über die Norderelbe gesetzt haben. Dort schloss der 1,70 Meter große Mann den bereits vorbereiteten Leinensack mit Kabelbindern um seinen Oberkörper und den Kopf. Ein Arm blieb frei. Mit diesem griff er die Pistole, von der bislang nicht bekannt ist, woher er sie hatte. Er schoss sich in den Kopf, fiel - auch durch den kiloschweren Rucksack gezogen - rücklings ins Wasser. Die Pistole fiel ihm aus der Hand und trieb ab. Der Körper des Mannes lag offenbar mehrere Tage im Wasser, bevor der Angler ihn in Höhe des Flusskilometers 615 am Moorfleeter Hauptdeich unweit der Norderelbbrücken entdeckte.

Nach neuen Erkenntnissen ist der Fall Ulrich S. aus den noch unvollendeten Statistiken der Mord- und Totschlagsliste 2012 gelöscht worden. Von den 27 verbleibenden bekannten Taten aus dem ersten Halbjahr 2012 sind alle aufgeklärt. Unter den Fällen befinden sich sieben Taten, die als Mord erfasst sind, 21 betreffen den Vorwurf des Totschlags. Fünf der unter der Rubrik "Mord" zusammengefassten Fälle blieben im Versuchsstadium stecken. Bei den 21 erfassten Totschlagsdelikten handelt es sich in 17 Fällen um versuchten Totschlag. In vier Fällen kamen die Opfer tatsächlich ums Leben.

Im gesamten Jahr 2011 waren elf Menschen durch Mord und Totschlag in Hamburg ums Leben gekommen. Die Polizei erfasste 49 Fälle von Totschlag, bei 42 davon handelte es sich um Versuche. Zwölf Mordfälle gingen in die Statistik ein, von denen acht im Versuchsstadium endeten oder beendet werden konnten. Die Zahlen stammen aus der Senatsantwort auf eine Kleine Anfrage des CDU-Innenexperten Karl-Heinz Warnholz. Er forderte, die Polizeipräsenz vor allem im Bezirk Mitte weiter zu stärken.

Hintergrund für diese Forderung: in Mitte gab es 2011 die statistisch schlechteste Aufklärungsquote im betreffenden Deliktsbereich. Sie lag bei den Totschlagsfällen immer noch bei 95 Prozent, im Bereich der Morde bei 83 Prozent, da fünf von sechs Taten im Bezirk aufgeklärt werden konnten. In Bergedorf hat es im Jahr 2011 ein vollendetes Tötungsdelikt gegeben, das nicht aufgeklärt werden konnte. Deshalb liegt die Quote der gelösten Fälle hier statistisch bei null.

Da es sich bei den Zahlen aus 2012 um sogenannte "unterjährige" Zahlen handelt, sei die Aussagekraft der neuen Zahlen nur begrenzt, heißt es bei der Hamburger Polizei. Ein Großteil der Taten sei dem Bereich "Beziehungstaten" zuzuordnen, so Polizeisprecher Holger Vehren. Um diesem Problem zu begegnen, geht die Polizei verstärkt mit sogenannten Gefährderansprachen auf potenzielle Gewalttäter zu und hat auch die Opferbetreuung kontinuierlich ausgebaut.

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