12.01.13

Karl Günther Barth

Königin oder Kurtisane? Der Hamburger Rosenkrieg

Wie aus der schottischen Gärtnerei Booth & Brüder im Jenischpark die Mutter aller Baumschulen in Norddeutschland wurde.

Foto: IMAGO
"Königin von Dänemark": rosafarbene Blätter und betörender Duft
"Königin von Dänemark": rosafarbene Blätter und betörender Duft

"Nun fängst du damit auch noch an?" Der Gesichtsausdruck meiner Frau Anke wechselte zwischen belustigt und skeptisch. Eine Dreiergruppe der Rose "Königin von Dänemark" hatte ich ihr vorgeschlagen - und musste selbst ein wenig lachen. Erst kurz zuvor waren wir Kataloge durchgegangen und hatten uns nicht schlecht über die Namensgebung bei Rosen amüsiert. Wer auf so etwas steht, kann das halbe englische Königshaus zu Gast haben - es gibt englische Rosen, die nach der Queen, ihrer Schwester Margaret oder Tochter Anne benannt sind. Bildungsbeflissene können zu "Shakespeare" und "Charles Darwin" greifen.

Bei uns, im Land der Dichter und Denker, heißen "Rosen" gerne "Novalis" oder "Emil Nolde", "Gebrüder Grimm" oder "Bremer Stadtmusikanten". Im Vergleich zu "Stefanie Baronin zu Guttenberg" ist "Marie Luise Marjan" alias Mutter Beimer fast ein Dauerblüher - wie "Muttertag" oder "Vatertag". "Moin Moin" ist vielleicht auch was für Gartenfreunde, die gern wie Prinz Charles mit ihren Pflanzen reden.

Meine Anke war natürlich beruhigt, als ich ihr mehr von der "Königin von Dänemark" erzählte. 1816 blühte sie das erste Mal in der Gärtnerei eines gewissen James Booth im heutigen Hamburger Bezirk Altona. Der reiche Baron Caspar Voght (1752-1839) hatte den gebürtigen Schotten bei einer seiner Reisen abgeworben, weil er seine Hilfe bei der Verschönerung seines Landguts in Klein Flottbek, des heutigen Jenischparks, brauchte. Erst betreute Booth die sogenannte Orgamentet Farm des Barons, ab 1800 leitete er die Baumschule, aus der die "Königin von Dänemark" stammt, auf eigene Rechnung und Risiko. Flottbek gehörte nämlich wie Altona zu Dänemark.

Die "Königin" gehört zur Klasse Alba-Rosen, die schon in den Parks der Griechen und Römer blühten. Sie ist wie geschaffen für unsere Breitengrade, sehr winterfest gedeiht sie auch im Halbschatten und auf einfacheren Böden. Blütezeit ist im Juni und Juli, knappe sechs Wochen ist die Pflanze, die normalerweise gut 1,50 Meter hoch und breit wird, so voll von tief rosafarbenen Blüten, dass die Zweige überhängen. Da kann es hilfreich sein, sie mit Pflanzstäben zu stützen. Eine echte Königin riecht natürlich auch gut, in diesem Fall duftet sie schön fruchtig.

Das angesehene Sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie in Dresden hat vor Kurzem bei der sogenannten Pillnitzer Sichtung über 600 Pflanzen aus dem Angebot der großen deutschen Rosenzüchter getestet. Nur 13 Prozent wurden danach als Duftrosen eingestuft. Die "Königin von Dänemark" war unter den Siegermarken - auch weil sie sich zusätzlich als sehr widerstandsfähig gegen gefürchtete Krankheiten wie Sternrußtau erwies. Auch das hat meine Frau Anke beruhigt. Sie sorgt sich nämlich auch immer ein wenig, dass mir die Arbeit im Garten mal über den Kopf wächst: "Du wirst auch nicht jünger."

Mit ihren knapp 200 Jahren ist die "Königin von Dänemark" eine alte, ehrwürdige Dame und die Hamburg-Rose schlechthin - obwohl sie eine durchaus bewegte Vergangenheit hat. Jahrelang hatten die Erben von John Booth vor Gerichten kämpfen müssen, um den Namen gebrauchen zu dürfen. Johann Lehmann, der Direktor des ersten Hamburger Botanischen Gartens, warf ihnen vor, die angebliche Königin stamme aus Frankreich und heiße in Wirklichkeit "Belle Courtisanne", was auf Deutsch so viel wie schöne Geliebte heißt. Der erbitterte Rechtsstreit dauerte fast 20 Jahre, Lehmann verlor darüber vorübergehend seine Ämter. Erst 1849 wurde er nach einer Ehrenerklärung seiner Kontrahenten rehabilitiert.

Die Gärtnerei Booth & Söhne wurde die Mutter aller norddeutschen Baumschulen, die heute mit Schwerpunkt Schleswig-Holstein das größte Anbaugebiet Europas darstellt. Professor Lehmann geriet bald in Vergessenheit, die Erben von Booth wurden Berater von Reichskanzler Bismarck, bepflanzten in Berlin den Kurfürstendamm sowie den Villenbezirk Grunewald und führten die Douglasfichte in die deutsche Forstwirtschaft ein. Von Briten lernen? Wie Prinz Charles auf seinem Landgut Highgrove seine Pflanzen zu Rekordwachstum brachte, verrate ich Ihnen nächste Woche.

Bis dahin, herzlichst

Ihr Karl Günther Barth

Haben Sie Fragen oder Anregungen? Sie erreichen mich unter: garten@abendblatt.de

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