Pferdesport wieder im Aufwind
Reitturnier: 26. Auflage beim RV Wilhelmsburg-Kirchdorf. Vor vier Jahren stand der Verein vor dem Konkurs. Am Rand der Wettkämpfe ist heute der Blick in die Zukunft optimistisch.
Wilhelmsburg. Die Sonne hatte die zwei Turniertage genutzt, um das Gesicht von Christian Peters rot zu färben. Der 38 Jahre alte Vorsitzende des Reit- und Fahrvereins Wilhelmsburg-Kirchdorf stand am Rande des Parcours und schaute beim letzten und bedeutendsten Springen der Veranstaltung in Wilhelmsburg zu. Die mächtigen Windkrafträder hinter dem grünen Hügel, der einmal Hamburgs bekannteste Mülldeponie war, standen still. Aber die Tageshitze war schon abgekühlt. Im M-Springen hatte Vanessa Böhm vom Verein Reit- und Fahrsport Sieversen gerade vergeblich versucht, ihre 16 Jahre alte Stute Ace of Heart über die Hindernisse zu treiben. Die Stute hatte zweimal verweigert. Jetzt versammelte Marco Aldag vom RFV Tostedt seinen Actionlight für das M-Springen.
"Die Abendsonne, die wunderschönen Pferde, ist das nicht ein herrliches Bild", geriet Christian Peters ins Schwärmen. "Mein Traum ist ja, einmal unser traditionsreiches Reitturnier mit einem S-Springen zu krönen. Dann muß man ganz andere Preisgelder ausschreiben. Aber mal sehen, wir schaffen das schon."
Auch dieses 26. Wilhelmsburger Reit- und Springturnier war ja schon eine Art Neubeginn. Der RFV Wilhelmsburg-Kirchdorf wurde bereits 1911 gegründet und zählt damit zu den ältesten Hamburger Sportgemeinschaften für den Reitsport. Vor vier Jahren allerdings war der Verein so ins Abseits geraten, daß er vor dem Konkurs stand. Es waren vor allem zwei Frauen, die erste Vorsitzende Anne Wilke und die gestrenge Schatzmeisterin Christa Gründler, die die Reitertradition in Wilhelmsburg durch harte Sparmaßnahmen über Wasser hielten.
Im Frühjahr übernahm Christian Peters, selbständiger Versicherungsmakler von Beruf, das Amt des Vorsitzenden. Yves Harms wurde neuer Schatzmeister und sorgte für eine moderne Webseit im Internet. Durch die wiederum wurden aus der Hamburger Innenstadt Pferdebesitzer auf den Reitverein in Wilhelmsburg aufmerksam. "Auf unserer Anlage hier am Niedergeorgswerder Deich haben wir ja auch einen Pensionsbetrieb für 30 Pferde", faßt der neue Vorsitzende zusammen, was den Reitverein in Wilhelmsburg stabilisiert hat. "Die Boxen sind inzwischen alle vermietet. Das ist das finanzielle Rückgrat des Vereins. Es geht wieder aufwärts mit dem Reitsport in Wilhelmsburg."
Der Mann, der mit dem neuen Vorstand in Wilhelmsburg die Zügel in die Hand genommen hat, ist übrigens alter Harburger Fußballer und fühlt sich hoch oben auf einem Pferd überhaupt nicht wohl. Aber Töchter und Ehefrau haben ihm dem Reitsport nahegebracht - zumindest als Organisator und Macher.
Der neue Schwung zeigte sich auch bei dem Turnier. Dabei hatten 800 Reiter insgesamt 758 Pferde für 1550 Starts gemeldet. "Für die zwei Tage ist das wohl Rekord", so Christian Peters.
Die M-Dressur in der Halle und das abschließende M-Springen waren ein neuer Höhepunkt in Wilhelmsburg. Und ein packender bis zum Schluß. Im Stechen gewann Marco Aldag aus Tostedt mit einem Null-Fehler-Ritt auf Eldo in der Zeit von 44,09 Sekunden. Die war entscheidend. Denn auch der Zweite, Jan Wülfken aus Sieversen auf Lantino, hatte keinen Abwurf, war aber in 45,37 Sekunden um mehr als eine Sekunde langsamer. Die erste M-Dressur in Wilhelmsburg gewann Susanne Hill aus Granderheide. Als erfolgreichste Reiterin des gesamten Turniers erhielt Michele Labarre vom RV Rehagen-Hamburg einen Reisegutschein über 400 Euro, den hatte einer der Hauptsponsoren, die Internetfirma "ferien.de", gestiftet.


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