Fahrschule auf dem Kutschbock
Kutschenlehrgang: Theorie und Praxis gehören zum Fahrlehrgang IV, um ein Pferdegespann führen zu können
Bendestorf. Da hat man sich nun monatelang gefragt, was meint er eigentlich mit "dir fehlt die Anlehnung". Und plötzlich habe ich das Gefühl, über die Leinen in meiner Hand direkten Kontakt zu den beiden Pferden vor der Kutsche zu haben. Und Hans und Rosa, beides Rheinisch-Deutsche Kaltblüter alten Schlages, reagieren auf jeden Richtungswechsel, den ich angebe. Auf einmal bekommt die ganze Sache mit dem Fahrlehrgang einen Sinn, und ich weiß, was mein Fahrlehrer mit "Anlehnung" meint. Werner Herrig: "Siehst du, jetzt hast du die Pferde schön auf der Hand." Das riecht nach Lob.
Es war eine Schnapsidee von mir, den Fahrlehrgang Klasse IV zu machen. Eigentlich wollte ich nur wieder "irgendwas mit Pferden zu tun haben" und das am liebsten mit Kaltblütern. Ich habe weder ein Pferd, geschweige denn einen dicken Kaltblüter, noch die Zeit oder den Platz, Pferde zu halten. Dann traf ich Werner Herrig (47) aus Bendestorf, Fuhrmann, Postillion, ausgebildeter Pferdewirt und Fahrlehrer in persona und den Stall voller Kaltblüter. Ich fragte ihn, wo man überhaupt Kutsche fahren lernen kann und war damit schon für den nächsten Kursus angemeldet, nach der Lehre des Altmeisters der Fahrkunst, Benno von Achenbach.
Sieben Leute sind wir in dem Kursus. An einem Abend in der Woche wird Theorie gepaukt, und es stehen Übungen am Fahrlehrgerät auf dem Stundenplan, wo nebenbei bemerkt alles viel einfacher und besser funktioniert als am echten Pferd, weil am Ende der Leinen nur zwei Hufeisen hängen, und die gehorchen einem wirklich immer. Wir üben die Griffe, wir lernen, warum jede Wendung mit der Kutsche auf eine andere Art und Weise eingeleitet wird, und wir machen Bekanntschaft mit der Achenbach-Leine, die natürlich zur pferdeschonenden Achenbach-Fahrmethode gehört. Und unser Lehrer Werner Herrig outet sich als wirklich hartnäckig: "Ihr müßt auch mal in eurem Lehrbuch nachlesen. Da steht das alles drin, was wir wiederholen." Scheinbar sollen wir hier wirklich etwas lernen. Dabei ist es nicht einfach gestrickt, dieses Achenbach-System mit der festen Bracke, der Achenbachleine, ihren Maßen und Verschnallungen.
Und an den Wochenenden geht es dann ans Eingemachte: die Praxis. Am Anfang steht das Putzen der Pferde. "Die regelmäßige Fellpflege fördert die Mensch-Pferd-Beziehung, außerdem tut euch die Bewegung ganz gut", pflegt Lehrer Herrig gerne zu sagen. Und dann geht es rauf auf den Bock. Endlich habe ich es geschafft, die Leinen halbwegs geordnet aufzunehmen, übrigens ist diese Angelegenheit schon alleine eine Kunst für sich. Ohne hinzufallen, schaffe ich es dann sogar, "seitlich rückwärts", so heißt es im Lehrbuch, auf die Kutsche zu steigen mit den geordneten Leinen in der Hand. Ich sitze und soll losfahren, zum ersten Mal in meinem Leben sitze ich auf einem Kutschbock, vor mir mehrere Tonnen Pferd, und am liebsten möchte ich schnell wieder runter, auch wenn mein Lehrer neben mir sitzt und "eigentlich" ja nichts passieren kann. "Warum", frage ich mich, "warum, um alles in der Welt machst du diesen Kursus, wozu brauchst du das Ganze?"
Die erste Straßen-Fahrt ist die reine Angstpartie. Hinter uns Autos, vor uns Autos, Autos, die überholen und wenige Meter vor uns einscheren, Autos, die hupen, Lkw, die uns laut brummend überholen und noch mal die Bremse zischen lassen, und nach 15 Minuten tun mir die Hände weh vom Halten der Leinen. Meinen Mitschülern, die im Heck der Kutsche mitfahren, läuft der kalte Schweiß über den Rücken. Der einzige, der in diesen Situationen Ruhe und Überblick behält, ist Werner Herrig. Nein, ganz so stimmt es nicht, die Pferde läßt das alles kalt, eben Kaltblüter.
Und dann, nach einigen Monaten, die ersten Erfolgserlebnisse, die Hände tun nicht mehr weh, ich kann mich voll und ganz auf die Pferde und darauf, was ich mache, konzentrieren. Es funktioniert. Und jetzt weiß ich, warum ich den Fahrlehrgang Klasse IV mache, einfach nur so, weil es mir Spaß macht. Die Prüfung habe ich bestanden, meine Anmeldung für das Fahrabzeichen Klasse III liegt schon in Herrigs Schublade.


Branchenbuch Hamburg
So kommen Sie voran
Das Rätsel des Tages

100. Geburtstag
Axel Springer
Abendblatt auf Facebook





