Kleinkunst: "Festival Deutsch-Türkischer Literatur"
Hochhaus Kirchdorf-Süd: Hier gibt's Kultur im Flur
Junge Wilhelmsburgerinnen lesen vor und setzen selbstverfasste Literatur in Szene.
Wilhelmsburg. Kultur in Kirchdorf-Süd? Selbsternannte Kunstkenner werden da mit der Nase rümpfen - oder mit den Achseln zucken. Doch ausgerechnet die als "Ghetto" verschriene Hochhausstadt dürfte Hamburgs originellste Kleinkunst-Location bieten: eine Bühne mitten im Treppenhaus eines dreizehnstöckigen Hochhauses.
Zwischen Briefkästen und Treppe inszenierten am Donnerstagabend sechs Mädchen und junge Frauen aus Wilhelmsburg im Rahmen des "Festivals Deutsch-Türkischer Literatur" eine Treppenhaus-Lesung - vorbeiziehende Bewohner vor der Bühne inklusive. Scheinwerfer tauchen das Treppenhaus am Erlerring 9 in ungewohnt helles Licht. Ein DJ legt eine dezent funky Hintergrundmusik auf. 60 Besucher drängeln sich vor der Bühne - Hamburgs coolster Literatursaal ist ausverkauft. Stargast ist Fahri Ogün Yardim, der zum Auftakt einige Zeilen des Satirikers Osman Engin vorträgt. Der Hamburger Schauspieler ist zurzeit gut im Fernseh- und Kinogeschäft, spielt in Till Schweigers neuestem Film "Eineinhalb Ritter" mit.
Geschichten aus Wilhelmsburg über Wilhelmsburg folgen.
Sechs Elbinsel-Deerns des Mädchentreffs Kirchdorf-Süd setzen selbstverfasste Literatur in Szene - und geben Einblicke in den deutsch-türkischen Schmelztiegel. Yasemin Arduc (17) räumt in ihrem inneren Monolog einer türkischen Braut mit dem Vorurteil auf, dass "wir immer zwangsverheiratet werden". Sevcan Cakar (19) versetzt sich in die Gefühlswelt eines Jungen, der bemerkt, dass er der einzige Deutsche in seiner neuen Schulklasse ist. Anila Hasrat (13) ärgert sich, dass ihre Freundinnen stets ins Türkische verfallen - und sei kein Wort versteht. Und Meryem Saral (18) nimmt ihre türkischen Landsleute mit ironischem Augenzwinkern aufs Korn: Ihr Drehbuch für eine Theater-Komödie beschreibt eine Fahrstunde in Wilhelmburg - die Erlebnisse des deutschen Fahrlehrers mit fünf türkischen Frauen an Bord. Nebenbei lernt der Lehrer, dass die Türkei nicht nur aus Istanbul besteht und daher viele Dialekte gesprochen werden. Urbane Prosa direkt am Puls der Elbinsel - dafür gibt es donnernden Applaus.
Dem Abendblatt erzählen Wilhelmsburgs Nachwuchs-Autorinnen, wo sie eigentlich hin wollen: "Wir wollen Theater spielen", sagt Meryem Saral. Profi-Schauspieler Fahri Ogün Yardim macht den Migrantinnen Mut: "Vielleicht haben wir ja bald eine Bundeskanzlerin mit schwarzen Haaren, die sagt: 'Yes, we can!'"


Branchenbuch Hamburg
So kommen Sie voran
Das Rätsel des Tages

100. Geburtstag
Axel Springer
Abendblatt auf Facebook





