Hilfe: Die Vorsitzende der Lüneburger Tafel findet deutliche Worte
"Armut ist häufig hausgemacht"
Viele ihrer Kunden, sagt Marina Kroll, holen kostenlose Lebensmittel, weil sie mit ihrem Geld nicht haushalten können.
Lüneburg. Vor der Lüneburger Tafel stehen die Menschen Schlange. Der Mittagstisch für Bedürftige bei Annemarie Best in Bleckede ist nach einem Jahr schon an der Machbarkeitsgrenze angelangt. Und jetzt denkt die Stadt Lüneburg ebenfalls über einen Mittagstisch für Arme nach. Immer mehr Menschen nehmen Hilfe an, um kostenlos Lebensmittel oder eine warme Mahlzeit zu erhalten. Sie würden sonst nicht über die Runden kommen, obwohl sie vom Staat Unterstützung erhalten.
"Die Armut ist häufig auch hausgemacht", sagt Marina Kroll, Vereinsvorsitzende der Lüneburger Tafel. "Ich hatte damals für meine dreiköpfige Familie 250 Mark für den Monat. Das Geld wurde eingeteilt und damit musste dann ausgekommen werden. Heute scheinen das etliche nicht hinzubekommen. Ich treffe viele unserer Kunden im Supermarkt, und was ich da in den Einkaufskörben sehe, würde ich mir nicht leisten." Wenn am Monatsanfang das Geld da sei, werde es mit vollen Händen ausgegeben, anstatt hauszuhalten, so ihre Beobachtung.
Rund 450 Menschen besuchen in der Woche regelmäßig die Lebensmittelausgabe der Tafel Im Tiefen Tal 64. Die Kartei fasst 1400 "Kunden" - alles Hartz IV- oder Sozialhilfeempfänger. Tendenz steigend. "Wir haben einen Zuwachs von 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr", sagt Kroll.
Wie viel zum Beispiel ein Hartz IV-Empfänger zur Verfügung hat, erklärt Thomas Bolle von der ARGE: "Zum 1. Juli wird der Beitragssatz um 1,1 Prozent von 347 Euro auf 351 Euro erhöht. Für die weiteren Angehörigen einer Bedarfsgemeinschaft ergeben sich durch die Erhöhungen monatliche Regelleistungen von 316 Euro für den Partner, Kinder unter 14 Jahren bekommen 211 Euro, darüber 281 Euro." Macht für eine dreiköpfige Familie mit einem Kind unter 14 Jahren 878 Euro plus 154 Euro Kindergeld.
In Bleckede gibt es seit einem Jahr das "Essen in Gemeinschaft für Bedürftige und Einsame". Immer montags, mittwochs und freitags kocht Annemarie Best für die Bedürftigen. "Rund 50 Leute habe ich dann zu versorgen. Darunter auch viele Mütter mit Kindern", sagt sie und nennt einen ganz anderen Grund für die Bedürftigkeit: "Das Problem ist nicht das wenige Geld. Viele können einfach nicht kochen. Wer nicht weiß, was man aus Kartoffeln und Eiern alles machen kann, der kauft teure Fertigprodukte." Klar, dass dann das Geld nicht reiche.
Am Monatsende kommen sie dann zur Tafel oder zu Annemarie Best. Die hätte auch schon eine Lösung für das Problem: "Anstatt das Kindergeld zu erhöhen, sollten die Kinder von der Grundschule an Hauswirtschaftsunterricht bekommen, wo sie Kochen und Haushalten lernen, damit sie später mit Geld umzugehen wissen."


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