Wasserviertel: Existenzgründer entdecken die Lünertorstraße
Neue Läden mit viel Charme
Mit dem Geschäft "Stilobjekte" fing es an. Inzwischen haben sich "Querbeet", "Bauernstube" und "Konsumschwestern" hinzugesellt.
Lüneburg. Die eine bestickt Taschen selbst, bei dem anderen gibt's Espresso im Stehen, der nächste verkauft Designerstücke aus zweiter Hand: Im Lüneburger Wasserviertel tut sich was. Auch ohne Städtebauförderung, die Hannover jüngst wieder einmal abgelehnt hat (die Harburger Rundschau berichtete). Existenzgründer entdecken die Lünertorstraße für sich, schaffen gegenüber dem Alten Kran ein kleines, aber interessantes Häufchen Neugründungen.
Paul Voigt (39) steht an seiner 30 Jahre alten La San Marco, die italienische Espresso-Maschine ist knallorange und funktioniert auf Hebeldruck. Die alte Lady peitscht das heiße Wasser nicht mit acht Bar wie viele Industriemaschinen, sondern mit 18 Bar durch das Kaffeepulver: "So entsteht mehr Crema, das gibt dem Kaffee den Geschmack", erklärt der Mann mit den braunen Filzzöpfen und gießt dunkelbraunen dampfenden Espresso in ein mit Milch gefülltes Glas.
Während sich der Kaffee seinen Weg vom Glasboden zurück nach oben sucht, erzählt Paul Voigt von dem Konzept, das er gemeinsam mit Geschäftspartner Jens Warnicke (45) erdacht hat: die Bar "Jens, Paul und der Mondmann". Eigentlich wollten sie eine gläserne Töpferei mit Gastro-Zeile eröffnen, aber nun ist es "nur" eine Espresso-Bar geworden, in der Jens und Paul Tee in den selbst getöpferten Tassen ihres Kumpels Steffen servieren. Es gibt Bionade, Fritz-Cola, und man kann draußen auf Bänken mit Schaf-Fellen sitzen. Alles sehr szenig hier, ungewöhnlich hamburgisch im Verhältnis zum Rest der Stadt. Viele trauen sich denn auch gar nicht rein in die Bar, in der es nur zwei Ledersessel und ein paar Abstellmöglichkeiten für Getränke gibt. "Aber wer einmal kommt, kommt immer wieder", weiß Paul. "Wir haben zu 99 Prozent Stammkunden." Eine Handvoll Neuer stolpert in der Woche rein.
Bei Jens und Paul hängen jeden Monat andere Bilder an den Wänden, sie sehen ihre Bar gleichzeitig als Ausstellungsraum für Kunst. Jeden Donnerstagabend gibt es kulturelle Veranstaltungen wie Lesungen oder Filme.
Nebenan verkauft Björn Scholz Secondhanddesign. Vor drei Jahren hat er sich mit "Stilobjekte" selbstständig gemacht, nachdem er zunächst nur übers Internet mit Designklassikern gehandelt hatte. Mit den neuen Nachbarn sei mehr Leben gekommen, "die Straße ist freundlicher geworden", findet der 27-Jährige. Auch wenn die Leute sich an seinem Schaufenster immer noch "die Nase platt drücken" - und sich nicht reintrauen.
Anders ein Geschäft weiter: Seit gut vier Monaten verhökert Andrea Witte (40) dort "Querbeet - Schönes aus zweiter Hand". Ihre Eltern betreiben seit 13 Jahren den Trödelladen "Bauernstube" gegenüber, und als Andrea arbeitslos wurde und merkte, wie groß das Interesse an Flohmärkten ist, entschied sie sich zum Schritt ins Unternehmertum. "Es läuft sehr gut, aber noch kann ich davon nicht leben", sagt die alleinerziehende Mutter, die ihr Geschäft nur freitags und sonnabends ganztägig öffnen kann - dann, wenn der Sohn beim Vater ist.
"Es ist gemütlicher geworden", findet Andrea Witte, die hier aufgewachsen ist, "nicht mehr so sehr Durchgangsstraße." Die drei hoffen, dass in die seit Juni leer stehende Bäckerei ein Geschäft zieht, das zu ihnen passt. Das wünscht sich auch Stefanie Maurer. Die 37-Jährige betreibt seit einem Jahr den Laden "Konsumschwestern" in der Kaufhausstraße um die Ecke.
Sie verkauft selbst bestickte Taschen, bemalt Babybodys nach Kundenwunsch, hat Kinder- und Säuglingsspielzeug einer Lüneburger Bekannten im Programm und Acrylgemälde ihres Mannes. Die Förderung des Arbeitsamts läuft aus, "jetzt muss es krachen", sagt die gelernte Einzelhandelskauffrau. Ein bisschen Laufkundschaft durch das Kino komme bei ihr vorbei, der Rest muss sie finden. Und findet dort Geschenke, die es sonst nicht gibt in Lüneburg - weil selbst gemacht.
Wenn die Feuerwehr aus dem Alten Kaufhaus gegenüber nächstes Jahr auszieht, hofft Stefanie Maurer darauf, dass dort etwas hineinkommt, "das es lohnenswert macht, hierher zu kommen". Ausstellungen zum Beispiel. "Dann wird das hier ein richtig schönes Viertel - vom Ambiente ist es das ja jetzt schon."


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