Polizeigewerkschaft: Unterstützung der Landesregierung fehlt
Polizei: Zu viel Überstunden
Durch Castor-Sicherung und WM-Einsatz schieben die Beamten der Inspektion Lüneburg 50 000 Überstunden vor sich her.
Lüneburg/Harburg. Thilo Speich (29) ist Polizist. Er war weder bei Castor-Transporten noch bei der Fußball-Weltmeisterschaft im Einsatz. 300 Überstunden hat er trotzdem. Durch ganz normalen Dienst, der Sachbearbeitung sogenannter vorrangiger Fälle bei der Polizeiinspektion Harburg. Thilo Speich sieht seinen Beruf zwar trotzdem noch "als Berufung". Aber er wartet auf die Unterstützung der Landesregierung. "Und die fehlt", sagt das Mitglied der jungen Gruppe der Polizeigewerkschaft.
Mehr als 50 000 Stunden haben die rund 500 Mitarbeiter der Polizeiinspektion Lüneburg auf dem Konto. Jährliche Castor-Transporte ins Zwischenlager Gorleben, fast jedes Wochenende ein Skinhead-Konzert, fast jeden Monat eine Demonstration der rechtsextremen NPD, kaum ein Volksfest ohne Randale und dazu noch die Fussball-WM: "Daher der riesige Überstundenberg", sagt Martin Hellweg (44), Lüneburger Bezirksvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei.
Hinzu kommen der für nächsten Monat angekündigte Castor sowie der G-8-Gipfel 2007 in Mecklenburg-Vorpommern: "Die Überstunden können nicht abgebaut werden", sagt Hellwegs Kollege Kai Richter (33), Vorsitzender der Kreisgruppe Lüneburg. Und selbst wenn das Abbummeln doch mal geht, bleiben dafür Urlaubstage stehen. Er kennt Kollegen, speziell die der mobilen Kommandos, die haben 1000 Überstunden und 56 Urlaubstage auf Halde.
Christof Vietgen (46), Mitarbeiter der Lüneburger Wache und Stellvertreter Richters in der Gewerkschaft, kennt die Situation nur zu gut: "Während der WM hatten wir Urlaubssperre, jetzt haben wir Probleme in der Schicht, weil alle ihren Resturlaub nehmen müssen, bevor er verfällt." Neulich mussten sie einen Einbruchalarm liegen lassen, weil zu wenig Beamte da waren. Und die, die da sind, sammeln weiter Überstunden.
"Während des vorigen Castors wurde uns gesagt, diese Überstunden bekämen wir anschließend ausbezahlt", erinnert sich Vietgen. "Auf das Geld haben wir sieben Monate gewartet. Das ist ein zinsloses Darlehen an das Land."
Und die Arbeitsbelastung wird immer mehr, fügt Hellweg hinzu: "Das Land will mehr als 400 Stellen in der Verwaltung streichen", sagt er, "deren Arbeit müssen dann teuer ausgebildete Beamte machen." Und die fehlen wiederum im Streifendienst. Er will, dass die Regierung die geplanten Kürzungen zurücknimmt.
Kollege Richter fordert außerdem höhere Beiträge für das Auszahlen der Polizisten-Überstunden im Haushalt 2007. "Die waren bislang viel zu gering." Er rechnet vor: Für die 50 000 Überstunden allein in der Lüneburger Inspektion müssten 25 Beamte ein Jahr lang arbeiten, "die fehlen uns". Die Kollegen seien zwar immer noch hoch motiviert, aber: "Der Ton wird schärfer, die Stimmung bröckelt. Das könnte bald auch auf die Motivation überspringen."
Das glaubt auch Heinz-Dieter Brunjes, Vorsitzender der Bezirksgruppe Nord der Bundespolizei. Die Bundespolizei sichert schon seit Wochen die Bahnschienen, auf denen der Castor im November rollen soll. "Man könnte es abtun und sagen, das ist nun mal unser Job", so der Polizist. "Aber wann sollen die jungen Kollegen eigentlich noch einen Partner kennenlernen? Eine Familie gründen?" Ihren Jahressoll hätten die Bundespolizisten bereits im August erreicht.
Thilo Speich hat seinen Antrag auf Aufzahlung von 120 seiner 300 Überstunden vor sieben Monaten gestellt. Eine Antwort vom Land hat er bislang nicht bekommen.


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