Eine Schule voller Energie
EU-Umweltprojekt: Europa blickt auf Estorf bei Stade. Unabhängig zu sein vom russischen Erdgas und vom arabischen Öl - das möchten alle. Ein kleines Dorf macht den Anfang.
Estorf. Felder, so weit das Auge reicht. Windräder drehen sich am weiten Himmel über dem Dorf Estorf. Hier, knapp 20 Kilometer von Stade entfernt, ist man auf dem platten Land. Und dennoch blickt ganz Europa auf das unscheinbare 1500-Einwohner-Örtchen. Hier irgendwo im Grünen zwischen Hamburg und Bremen verwirklicht sich sozusagen im Kleinen der Traum von Andris Piebalgs, EU-Kommissar für Energie, Europa unabhängig vom russischen Erdgas und arabischen Öl werden zu lassen. Die Grundschule Estorf plant, ihren Betrieb ausschließlich mit erneuerbaren Energien zu bestreiten. Deshalb wurde die Dorfschule jetzt von der Europäischen Kommission geadelt. Die Estorfer sind die einzige Schule in ganz Europa, die sich offizieller Partner der Initiative "Sustainable Energy Europe 2005 bis 2008" nennen dürfen.
Dahinter verbirgt sich eine Kampagne der EU, die Energielandschaft zu verändern. Nebenbei ist die Estorfer Schule eine von rund 1200 "Umweltschulen Europas" in Deutschland.
Die zurzeit 98 Kinder an der Grundschule wachsen quasi mit Sonnenenergie auf. Strom kommt hier nicht aus der Steckdose, sondern "von Solar", wie ein kleiner Knirps dem erstaunten Lehrer Peter Wortmann einmal klarmachen wollte. Allen Kindern werden die blauen Solarzellen auf dem Turnhallendach gezeigt, die nur vom benachbarten Bauernhof aus sichtbar sind. Diese Fotovoltaikanlage liefert rund 60 Prozent des Stroms, den die Schule im Jahr verbraucht.
Bürger haben die 50 000 Euro teure Anlage finanziert und Anteile in Höhe von 500 bis 5000 Euro erworben. Ein futuristisch anmutender silberner Sonnenkollektor, von Viertklässlern gebaut, erhitzt das Wasser für den Pausentee. Begeistert bauen Mädchen und Jungen in den Pausen Boote, die mit Sonnenenergie angetrieben werden.
Von dieser Schule geht eine besondere elektrisierende Wirkung aus. Nicht nur, weil das Steingebäude in seiner Geschichte bereits zweimal vom Blitz getroffen wurde. Zuletzt wurde die Schule 1951 neu aufgebaut. "Wir sind eine energiegeladene Schule", scherzt Peter Wortmann.
35 000 Euro fehlen den Estorfern noch zu ihrem Ziel einer öl- und atomstromfreien Schule. Lehrer Wortmann sucht nach Geldgebern für ein Blockheizkraftwerk auf Pflanzenölbasis. "Der Raps könnte von den Bauern in der Nachbarschaft angebaut werden und wäre für die Kinder erfahrbar", sagt Schulleiterin Hildegar Ackermann. Am liebsten möchten die Energieaktivisten die alte Ölheizung im Schulkeller sofort loswerden. Der Schulträger winkt aber ab. Die Heizuung sei noch intakt.
Lehrer und Eltern hoffen auf EU-Zuschüsse für das Öko-Kraftwerk. Die Chancen dafür stünden gut, sagte die niedersächsische Europaparlamentarierin Rebecca Harms bei einem Besuch in Estorf: "Die Gaskrise in 2005 und die knappen Rohstoffe sind die dominierenden Themen in der EU." Tatsächlich aber gibt es bislang kein geeignetes Förderprogramm der niedersächsischen Landesregierung, das zu den Estorfer Kraftwerksplänen passt. Das berichtete Sylvia Flieger vom Europabüro in Lüneburg. Programme mit den Förderschwerpunkten Innovation und Wachstum seien noch in Arbeit. "Bei der Finanzierung läuft man wie gegen Gummiwände", sagt Lehrer Wortmann.
Hilfreich könnte sein, dass die Estorfer Dorfschule als einzige Schule in Europa exklusiv mit dem Logo der EU-Kampagne "Nachhaltige Energien für Europa" werben darf. Hilfe aus Brüssel ist dabei aber nahezu Fehlanzeige: Das Schild, das die Grundschule als EU-Kampagnenpartner ausweist, haben die Estorfer für 110 Euro selbst anfertigen lassen. Derartige Werbemittel, verriet Peter Wortmann, haben die EU-Strategen für ihre Informationskampagne schlicht vergessen.


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