Wie Stade Jobverluste verkraftet
Arbeit: Große Unternehmen machten dicht, aber die Quote bleibt unterm Schnitt. Die Produktion hochwertiger Erzeugnisse wurde ausgeweitet, der Mittelstand ist stabil.
Stade. Es ist ein Phänomen: Die tiefe Krise des Industriestandortes Stade in den vergangenen zweieinhalb Jahren hat zu kaum mehr Arbeitslosen geführt. Die Stader Wirtschaftsregion hat den Verlust von rund 1370 Arbeitsplätzen durch die Stillegung des Kernkraftwerkes im November 2003 und der Saline drei Monate zuvor offenbar kompensieren können. Genauso wie die Schließung der Kaserne mit ihren 1200 Berufssoldaten und zivilen Angestellten vor elf Jahren. Und selbst wenn der Hydro-Konzern sein Aluminiumwerk wie angekündigt spätestens Ende 2006 dichtmachen wird, wird die Arbeitslosenquote in Stade aller Voraussicht nach noch unter dem Landesdurchschnitt bleiben - auch wenn wie erwartet gut 200 hochspezialisierte Hüttenwerker von den insgesamt 430 Beschäftigten arbeitslos werden dürften. Das Geheimnis: Der Wirtschaftsraum Stade schafft Ersatzarbeitsplätze. "Der Arbeitsplatzverlust in Stade", sagt Thomas Friedrichs, Wirtschaftsförderer der Stadt Stade, "ist der Arbeitsplatzgewinn in den umliegenden Gemeinden."
Der Wirtschaftsexperte spricht von einer "faszinierenden Situation". Das Aus für den E.on-Atommeiler, die Akzo Nobel-Saline und das Hydro-Aluwerk beschreibt er als "normalen Strukturwandel." Tatsächlich waren Ende der 90er Jahre mehr Menschen in Stade arbeitslos als in 2004, dem Jahr nach der Schließung der großen Industrieanlagen. Die 1200 Mitarbeiter des Kernkraftwerks tauchten in der Arbeitslosenstatistik nie auf. Sie wurden von der E.on an anderen Standorten beschäftigt, gingen in Ruhestand oder betreiben bis 2015 den Rückbau des Reaktors zu einer grünen Wiese. Etwa die Hälfte der 120 zunächst arbeitslos gewordenen Salinen-Mitarbeiter soll wieder Jobs gefunden haben, hat Wirtschaftsförderer Friedrichs erfahren. Das Werksgelände steht noch heute leer. Es gebe viele Interessenten, weiß Friedrichs, aber noch werde um den Kaufpreis gefeilscht.
Die Horrormeldungen über Massentlassungen verfälschen das Bild vom Industriestandort Stade. In der Nachbarschaft der stillgelegten Anlagen entwickeln sich andere Werke dynamisch. Die Dow erzielte 2004 eine Rekordproduktion. Das Airbus-Werk in Stade, mit 1800 Beschäftigten, der größte Arbeitgeber der Stadt, will so schnell wie möglich expandieren. Und auch die Aluminium Oxid Stade (AOS) neben dem Hydro-Werk soll jedes Jahr ein Handvoll mehr Leute beschäftigen.
Der Flugzeugbau schafft Jobs in und um Stade: 350 zusätzliche Arbeitsplätze sind nach Angaben Friedrichs allein seit 2002 in dem sogenannten "CFK-Valley" der Stadt entstanden. Hier sind inzwischen 41 Unternehmen aus ganz Europa angesiedelt. Stade, so die Vision, soll zum weltweiten Kompetenzzentrum für Kohlenfaserverbundstoffe werden. Der neue Airbus-Typ A350 wird zu 39 Prozent aus dem neuen, extrem leichten Werkstoff bestehen. Stolz ist man in Stade auch auf den Airbus-Zulieferer Saertex. Das Textilunternehmen produziert Spezialteppiche für die Kabinenverkleidung des A380. Den Forschern und Entwicklern im CFK-Valley sollen bald Produktionsstätten folgen - und die bedeuten neue Arbeitsplätze. "Noch ist aber nichts in trockenen Tüchern", so Friedrichs.
Im vergangenen Jahr landete der Landkreis Stade in der Bestenrangliste aller Wirtschaftsstandorte in ganz Deutschland des Magazins Focus Money auf Platz 24 - und war damit die Nummer eins in Norddeutschland. Die Veröffentlichung der Rangliste 2005 steht noch aus. Friedrichs erwartet noch mehr Wachstum im Landkreis Stade, wenn endlich Autobahnen in den Landkreis führen. "Dann kommen wir in die Prüflisten der Unternehmen", sagt er. 33 Kilometer von Stade bis zum nächsten Autobahnanschluß - das gilt bei Standortprüfern als "Killer-Kriterium. 2013 soll die Küstenautobahn fertig sein. Das Bauende der A26 von Stade nach Hamburg wagt niemand vorauszusagen.
Daß der Strukturwandel in Stade so abgepuffert verläuft und sich die Arbeitsplatzverluste in Grenzen halten, ist auch den vielen kleinen und mittleren Unternehmen im gesamten Landkreis Stade zu verdanken. Der Mittelstand garantiert eine stabile Beschäftigung. "Wir haben viele Unternehmer". lobt Wirtschaftsförderer Friedrichs, "die nicht so schnell Leute entlassen."


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