"Ich muß Linda retten"
Lebensmittel: Bauer Karsten Ellenberg will nicht tatenlos zusehen, wie der Züchter die beliebte Speisekartoffelsorte verschwinden läßt.
Barum/Lüneburg. Karsten Ellenbergs Augen leuchten, wenn er von seinem Liebling erzählt: "Sie ist oval, nicht zu groß und hat schön tief gelbes Fleisch." Er gerät ins Schwärmen: "Sie hat eine gelbe, glatte Schale, ist fest kochend, hat einen cremig-buttrigen Geschmack, reift mittelfrüh und ist gut lagerfähig."
Die Rede ist von "Linda", der Kartoffel. Linda, sagt Karsten Ellenberg (42), sei die am besten schmeckende Kartoffel im Lande, die Königin der Knollen. "Das sagen die Verbraucher und Händler." Karsten Ellenberg ist Kartoffelbauer und -züchter in Barum, Kreis Uelzen. Er baut 120 Sorten an, 22 davon verkauft er. "Zwei Drittel meines Umsatzes mache ich mit Linda", sagt der Biobauer, "wir leben von Linda. Wenn Linda stirbt, werden wir und andere Bauern mitsterben."
Linda ist erst 30 Jahre alt, aber jetzt droht ihr das Aus. Denn der Sortenschutz der beliebten Kartoffel, der für Lizenzeinnahmen des Züchters sorgt, ist am 1. Januar erloschen. Inhaber der Lizenz ist die Saatzucht Friedrich Böhm in Kreutzen bei Munster, Kreis Soltau-Fallingbostel. Vermarkter der Sorte ist das Unternehmen Europlant in Lüneburg. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben einen Marktanteil von 45 Prozent bei deutschen Pflanzkartoffeln.
"Der Sortenschutz ist nach 30 Jahren ausgelaufen. Danach kann jeder, ganz gleich ob er qualifiziert ist oder nicht, die Linda unkontrolliert vermarkten und anbauen. Das wollen wir nicht, weil wir einen Qualitätsverlust befürchten", sagt Europlant-Geschäftsführer Jörg Renatus (42). Deshalb hat Europlant beim Bundessortenamt in Hannover beantragt, Linda aus der Bundessortenliste zu streichen.
"Es gibt kein Zurück mehr, das Bundessortenamt hat die Rücknahme bestätigt", sagt Renatus. "Das war ein schmerzhafter Schritt, weil Linda bei den Verbrauchern sehr beliebt ist, und wir nun 7000 Tonnen Pflanzkartoffeln weniger pro Jahr verkaufen. Das entspricht einem Umsatzrückgang von 1,5 Millionen Euro."
Bauer Ellenberg ist wütend. Ab 2005 wäre der Nachbau der Sorte Linda gebührenfrei für alle Bauern möglich gewesen. "Die Firma Europlant hat die Zulassung von Linda zurückgezogen, weil sie ihre neuen Kartoffelsorten verkaufen will, die mehr einbringen. Aber alle neuen Sorten kommen geschmacklich nicht mit Linda mit."
Bis Ende Juni dürfen die Bauern noch Linda-Pflanzgut kaufen, im Jahr 2006 und 2007 könnten sie die Kartoffel noch mit Vorjahresknollen "nachbauen". Aber 2008 wäre Schluß für Linda. "Die Kartoffelknollen sind dann nicht mehr zum Pflanzen geeignet", sagt Karsten Ellenberg, "dann wäre Linda so gut wie ausgestorben. Es kann aber doch nicht sein, daß ein Züchter bestimmt, was ein Bauer anbauen und was der Verbraucher essen soll."
Der Linda-Freund hat beim Bundessortenamt eine Wiederzulassung der Sorte beantragt - das Verfahren dürfte drei Jahre dauern. Ab sofort will Karsten Ellenberg selbst Linda vermehren: Aus gesunden Linda-Knollen läßt er Keime sprießen. Die werden im Labor abgeschnitten und in Glasgefäße mit Nährböden eingeplanzt. Die wachsen dann in einem Spezialschrank für Pflänzchen, wo sie bei 20 Grad unter künstlichem Licht gedeihen - der neue Schrank für 10 000 Euro ist gerade auf dem Hof eingetroffen.
Wenn die Pflanzen gewachsen sind, schneidet Karsten Ellenberg sie wieder klein und setzt sie in kleine Blumentöpfe mit Torf und Kompost. Die kommen dann ins Gewächshaus, dort wachsen dann die ersten Linda-Kartoffeln heran. "Im September 2005 kann ich die ersten Knollen ernten, im Frühjahr 2006 kommen sie dann aufs Feld und werden im Herbst geerntet. Im Herbst 2008 kann ich Speisekartoffeln mit Saatgutqualität verkaufen."
"Ich kriege Ärger vom Verbraucher und von meiner Frau, wenn ich Linda nicht rette", sagt Karsten Ellenberg. "Wenn die Zucht in Deutschland nicht klappt, gehen wir nach Holland oder Schottland und melden Linda dort an."


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