Wie lange fährt "Tanja" noch?
Neu Darchau: Die geplante Elbbrücke macht die Fähre und ihre Besatzung arbeitslos. Viele bezweifeln den Sinn des Neubaus.
Neu Darchau. Dunst liegt über dem großen Fluß an diesem späten Nachmittag. Krähen ziehen laut krächzend ihre Kreise, während ein paar einsame Gestalten am alten Hafen in Neu Darchau auf die Elbfähre "Tanja" warten. Kurz darauf schiebt sich ein Ungetüm mit den Umrissen einer überdimensionalen Heuschrecke an das Ufer. "Tanja" ist da. Fährmann Henry Kruse (53), schon äußerlich ganz Seebär mit graumeliertem Bart und Strickmütze, geht mit seiner Kasse rum - er kennt seine Leute. "Mit uns fahren hauptsächlich die Pendler", sagt er - 300 Fahrzeuge im Schnitt pro Tag von Darchau (Niedersachsen) nach Neu Darchau (Niedersachsen), nicht gerechnet Fahrräder und Fußgänger. Seit 1991 fährt Kruse auf der "Tanja" - Seefahrerromantik gibt's hier nur in kleinen Portionen, nachdem der Fährmann zuvor jahrelang als Maschinist auf großen Pötten über die Meere geschippert ist. Trotzdem, sein Job auf der "Tanja" gefällt ihm, denn er kommt aus der Gegend und will nicht mehr weg, bloß der Arbeit wegen.
"Wenn die Elbbrücke gebaut wird, wissen wir Fährleute noch nicht, wie es mit uns weitergeht." Die Elbbrücke ist das Thema Nummer eins, derzeit ist es in aller Munde. Der Landkreis Lüneburg will hier draußen klotzen und nicht kleckern: eine feste Elbquerung ist geplant, das sogenannte Planfeststellungsverfahren, das dem Bau von Großvorhaben vorausgeht, läuft. Die Meinungen sind geteilt. "Würden Sie sich einen ganzen Omnibus kaufen, wenn ein Goggomobil es auch tut?" fragt Adolf Garz (62), von Haus aus gelernter Binnenschiffer und jetzt Schiffsführer der "Tanja". Für ihn persönlich ist sicher, daß der Verkehr mit der Fähre zu bewältigen ist. Bei Eisgang und Hochwasser ist "Tanja" außer Betrieb - aber wann passiert das schon? "Seitdem wir den erhöhten Anleger auf Darchauer Seite haben, kann der Fluß auch ruhig mal ein bißchen mehr Wasser führen," sagt Garz - im Frühjahr zum Beispiel, nach der Schneeschmelze. Die Brücke wird seiner Ansicht nach nicht wirklich gebraucht - nicht bei den paar Pendlern. "Da erzählen sie den Anwohnern, der Verkehr wird nach dem Bau der Brücke auch nicht mehr. Warum wollen sie das Ding dann überhaupt bauen?"
Die Frage ist berechtigt. Wer sich umsieht in Neu Darchau, bekommt einen Eindruck von der großen Ruhe, die am breiten Fluß herrscht. Der Blick schweift über das Grün der Uferzone, über den beigen Strand und die mattgrauen Fluten der Elbe. Wenig Mensch, viel Natur. Ob die große Wende mit der Brücke kommt? Wirtschaftsaufschwung, blühende Landschaften und all das, wovon Politiker vor Mikrofonen gerne träumen, wenn es um den deutschen Osten geht ? Adolf Garz ist skeptisch, allerdings - Politik ist sein Ding nicht. Und er will sich mit seiner Meinung auch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, schließlich: "Die Ansicht der Fährleute, die zählt nicht", sagt er. Seine Kollegen - elf an der Zahl - und er selbst, das ist bloß ein verschwindend kleiner Teil der Bevölkerung hier. Zudem: Für ihn kann es viel dicker nicht mehr kommen, denn mit 62 Jahren ist der Ruhestand in Sicht. Trotzdem, ein Leben ohne eine Handbreit Wasser unter dem Kiel, da würde ihm was fehlen: Die Jahrzehnte als Binnenschiffer auf Rhein und Elbe haben ihn geprägt. Kein Wunder, daß er sich für seine Fähre engagiert.
Ein paar Meter weiter landeinwärts, bei Henry Stepke (46), dem Wirt des Landhauses Katemin, sieht das schon anders aus. Auch Stepke ist hier aufgewachsen, hat viele Jahre am Fluß verbracht und kennt den Alltag in der eher menschenleeren Region. "Wird Zeit, daß die Politik was für uns tut", findet er, "die Brücke bringt Hoffnung für den Osten." Er kann die Menschen verstehen, die fortziehen, denn hier gibt es wenig, was die jüngeren Leute reizt. "Wir brauchen eine Zukunft - und die gibt es nur, wenn Arbeitsplätze zu uns kommen", sagt er mit Blick auf Lisa, seine ein Jahre alte Tochter, die zu seinen Füßen spielt und noch nichts weiß von dem Streit am großen Fluß.
Noch gibt es viele, die die Elbquerung bei Neu Darchau nicht wollen. "Keine Brückentrasse durch Neu Darchau", steht auf weißen Pappschildern an jedem zweiten Haus - und: "Hier spielen unsere Kinder." Der Lärm und die Abgase, davor fürchten sich die Gegner, denn eine Ortsumgehung ist nicht geplant.
21 Uhr mittlerweile - letzte Überfahrt der "Tanja", dann wird sie im Hafen vertäut. Irgendwo knarrt noch ein Tor, danach wird es still in Neu Darchau. Mit einer Elbbrücke gäbe es hier keinen Feierabend mehr - die Brücke wäre immer da, zu jeder Tages- und jeder Jahreszeit. Dann hieße es endgültig Abschied nehmen von der Ruhe am großen Fluß . . .


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