Daheim nach vier Jahren "Tippelei"
Seevetal: Im Jahr 2000 brach Christian Wohlers als wandernder Handwerksbursche auf, um die Welt kennen zu lernen. Jetzt ist er zurück.
Seevetal-Wittenberg. So richtig zu Hause angekommen ist Christian Wohlers eigentlich immer noch nicht. Vor einigen Tagen ist der Zimmerergeselle (28) zwar wieder von seiner fast vier Jahre dauernden Reise durch die ganze Welt nach Wittenberg in Seevetal zurückgekehrt. "Aber ich denke, ich brauche noch meine Zeit, um mich hier wieder richtig zurecht zu finden", sagt er. Der Wittenberger war auf "Tippelei", war unter anderem in Australien, Thailand, Island und Neuseeland in seiner Kluft unterwegs, hatte eine zum Wechseln und das Handwerkszeug, das ein Zimmerer zum Arbeiten braucht, in seinem "Charlottenburger", so nennen die Gesellen den Beutel, den sie über der Schulter tragen, und einen Fünf-Mark-Schein in der Tasche. "Den habe ich auch wieder mitgebracht, allein schon aus Ehrgeiz", sagt Christian Wohlers.
Nach dem Abitur machte Christian eine Ausbildung als Zimmermann. "Mein Urgroßvater war um 1900 als Geselle unterwegs, und auch mein Chef war auf Tippelei. Aber richtig Blut habe ich erst geleckt, als die Gesellen, die bei uns vorbei kamen, von ihren Reisen erzählten, und irgendwann stand dann auch bei mir der Entschluss fest loszuziehen." Er verkaufte sein Auto, sein Motorrad, kündigte Wohnung und Arbeit. Dann zog der damals 24-Jährige mit seinem "Altreisenden" in die Welt. "Natürlich, die Idee zu haben und dann tatsächlich loszugehen, das ist ein Unterschied. Ich hatte schon ein komisches Gefühl im Magen. Aber mein Altreisender hat mir in den ersten Wochen beigebracht, wie ich Arbeit und einen Schlafplatz finden kann, eben wie ich allein klarkommen kann."
Es seien nicht viele Regeln, die ein wandernder Geselle im "Fremden Freiheitsschacht" mit der "roten Ehrbarkeit" einzuhalten habe, so Wohlers. Dazu gehört, dass der Geselle immer offene Türen hinterlassen sollte, wo er gearbeitet, geschlafen oder gegessen hat, damit auch nach ihm kommende Gesellen willkommen sind. Dazu gehört auch die Einhaltung der 50-Kilometer-Bannmeile um das Elternhaus. Dazu gehört weiter, dass der Geselle seinen "Deckel", den Hut, nur hinterm Kneipentresen ("Bier gehört für uns noch wie früher zu den Lebensmitteln") in der Küche und beim Essen abziehen darf. Hält sich der Geselle mehrmals nicht an diese Regeln, kann er "ausgebunden" werden, gehört dann nicht mehr zu seinem Schacht und darf nicht mehr den roten Schlips, das Zeichen für die "rote Ehrbarkeit", tragen.
Jeder Gesellenverein hat seine eigene Farbe der Ehrbarkeit, seine eigenen Regeln und unterschiedliche Reisezeiten. "Und seine eigene Sprache. Wenn wir unterwegs miteinander sprechen, versteht uns kein Außenstehende", sagt Christian Wohlers. Nach den ersten schwierigen Wochen verabschiedet sich der "Altreisende" von seinem Gesellen, der von nun an auf sich selbst gestellt ist. "Natürlich arbeiten wir auch gegen Lohn. Dass wir nur für Kost und Logis arbeiten, ist genauso ein Märchen, wie die Annahme,dass wir fürs Reisen kein Geld ausgeben dürfen. Das ist zwar verpönt, aber nicht verboten. Als ich genug verdient hatte, habe ich mir eben ein Ticket nach Australien oder Thailand gekauft", sagt Christian Wohlers, der so fast die ganze Welt sehen konnte.
"Der größte Luxus, den wir auf Tippelei haben, ist die Freiheit, dorthin zu gehen, wo wir hin wollen, uns das anzusehen, was wir wollen. Und eines habe ich erfahren, man muss die Ruhe bewahren, es findet sich immer ein Platz, wo man arbeiten und schlafen kann, früher oder später", sagt Christian Wohlers. Und noch etwas habe er gelernt: auf Menschen zu zu gehen, mit ihnen zu reden. "Wir ziehen nicht los, um uns zu bereichern, sondern um Land und Leute kennen zu lernen." Ob er sich in der Zeit verändert habe, mag er nicht beantworten: "Das müssen andere beurteilen. Ich kann nur sagen, dass sich hier viel verändert hat, Sinstorf hat jetzt auch so einen McDonald's." Sein nächstes Ziel: die Meisterschule.


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