Neu Wulmstorf: Der Stör-Retter
Experte Dr. Harald Rosenthal (67) ist Meeresbiologe und Vorsitzender der "Weltgesellschaft zum Schutz der Störe".
Neu Wulmstorf. Mehr als 200 Millionen Jahre hat der Stör in Meeren und Flüssen der nördlichen Erdhalbkugel überlebt. Doch Wasserbau, Umweltverschmutzung und Überfischung durch den Menschen, haben alle 25 Arten des urzeitlichen Knorpelfischs (keine Gräten) inzwischen fast ausgerottet. Und wären nicht Menschen wie der Neu Wulmstorfer Fischereibiologe Professor Dr. Harald Rosenthal (67), dann bestünde vermutlich auch keine Hoffnung auf Rettung des Störs.
Als Vorsitzender der gerade ein Jahr alt gewordenen "Weltgesellschaft zum Schutz der Störe" (World Sturgeon Conservation Society / WSCS), arbeitet er daran, die letzten genetisch gleichen Störe aus den verschiedenen Gegenden Europas und der Welt zur Nachzucht zusammenzubringen. Doch dafür müssen erst einmal geeignete Methoden entwickelt und Aufzuchtstationen mit Wasserbecken und ausreichender Futterversorgung geschaffen werden. Die Aufzucht dauert lange. Vom Ei (Kaviar) bis zur Geschlechtsreife jugendlicher Störe vergehen etwa 15 Jahre. Und so lange wird es mindestens dauern, bis der Stör (zool.: Acipenser sturio) zum Laichen vielleicht auch wieder die Elbe hoch in die Oste zieht. Geeignete Flachwasserzonen mit Steinen und Geröll müssten geschaffen werden.
In Deutschland sind die Gesellschaft zur Rettung des Störs, das Bundesamt für Naturschutz, das Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin und nicht zuletzt die Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei in Mecklenburg-Vorpommern mit den Vorbereitungen befasst. Rosenthal: "Wir erwarten dieses Jahr aus Kanada 50 Störe. Sie passen genetisch zu unseren Ostsee-Stören, von denen es wirklich nur noch eine Handvoll gibt." Letzte Exemplare der ursprünglich in Elbe und Nordsee vorkommenden Störe werden im IGB gehalten und sollen mit Stören aus der Gironde zusammengebracht werden. Störe können bis 100 Jahre alt, mehr als fünf Meter lang und 600 Kilo schwer werden, vorausgesetzt sie überstehen ihre von Raubfischen, Vögeln und Menschen bedrohte Kinderzeit. In seinem Einfamilienhaus in Neu Wulmstorf, dem Sitz der Weltgesellschaft zum Schutz der Störe, hatte Professor Dr. Harald Rosenthal kürzlich die
erste Vollversammlung mit 40 Fischereibiologen aus zwölf Nationen. Den weitesten Weg hatte Dr. Jianbo Chang aus China. Noch dieses Jahr wird Rosenthal an einem Kongress in Peking mitwirken. Und kommendes Jahr ist Vollversammlung des WSCS im Iran, wo der Stör als Kaviar-Produzent auch gezüchtet wird.
Rosenthal ist gebürtiger Berliner, studierte an der FU Zoologie, Botanik und Sport, doch in Hamburg fand er mit dem Studium von Hydrobiologie und Fischereiwissenschaften seine wahre Berufung, war 20 Jahre lang in der Biologischen Anstalt Helgoland des Bundesministeriums für Forschung tätig und wirkte bis vor drei Jahren in Forschung und Lehre am Institut für angewandte Fischereibiologie der Uni Kiel. Wissenschaftler aus Cambridge hatten Rosenthal zur Jahrtausendwende auf eine Hitliste der 2000 bedeutendsten Naturwissenschaftler des 20. Jahrhunderts gesetzt. "Fischwanderungen in Meeren und Flüssen und die Fischzucht haben mich schon von Kindesbeinen an interessiert", sagt Rosenthal. In seinem Haus, das er zusammen mit seiner Frau Ingrid bewohnt, könnte man ein Meeresaquarium vermuten. Irrtum. Vom Keller bis zum Dach stapelt er in Regalreihen jede Menge internationale Fachliteratur. Das Gewicht schätzt er auf gut zwölf Tonnen.


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