Abzocke: Unter dem Anschluss ist angeblich eine Servicenummer angerufen worden
Grete Harms (79) soll für Sextelefon bezahlen
133 Euro will eine Firma bei der alten Frau eintreiben lassen. Dabei war die zur fraglichen Zeit im Krankenhaus.
Jork. Es sind nur zehn Meter von der Küche ins Wohnzimmer. Grete Harms braucht fast drei Minuten dafür. Jeder Schritt schmerzt die gehbehinderte alte Dame aus Jork, doch ihr Leben im reetgedeckten Bauernhaus meistert Grete Harms noch immer weitgehend selbstständig.
Im Moment fühlt sie sich aber nur hilflos und komplett überfordert: Ein dubioses Unternehmen will bei ihr abkassieren. Als die alte Dame in der Wohnstube angekommen ist, nestelt sie eine Rechnung vom 17. Juli hervor. 59,40 Euro, so steht es da, seien zu zahlen für die Nutzung eines Telefon-Erotikchats. 60 Gesprächsminuten pro Tag stünden die "Dienste der Damen" zur Verfügung für 3,3 Cent pro Minute, zu beliebigen Zeiten, einen Monat lang. Am Ende heißt es noch: "Viel Vergnügen". Besonders makaber: Die Rechnung ist auf ihren Mann Henry Harms ausgestellt. Der starb aber bereits 1994 - Frau Harms hatte vergessen, den Telefonanschluss danach auf ihren Namen umzumelden. "Das hat mich schon ganz schön erschrocken", sagt Frau Harms.
Bei der Firma handelt es sich um die "Primera Factura", und Frau Harms ist nicht die erste, die Post von dem Unternehmen bekommt, das angeblich in Palma de Mallorca sitzt, seine Korrespondenz aber seltsamerweise von Deutschland aus verschickt. Seit Monaten steht "Primera Factura" in Verdacht, mit unseriösen (Sex-)Chat-Abos das schnelle Geld machen zu wollen. Internet-Foren sind voll mit Beschwerden über die Firma.
Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt bereits wegen Betrugs, allein hier sind fünf Anzeigen eingegangen. Die Firma "diagonal inkasso GmbH" aus Buchholz, die mit dem Einzug der Forderungen von "Primera Factura" beauftragt wurde, stehe ebenfalls im Visier der Fahnder, erklärt Wilhelm Möllers, Sprecher der Staatsanwaltschaften Hamburg. Seine Kollegen aus Stade leiteten Ermittlungen gegen die "diagonal inkasso" ein.
Die perfide Masche hinter der Telefon-Abzocke: Die Firma annonciert zum Beispiel in einer Zeitung auf den ersten Blick attraktive Angebote wie "Arbeiten Sie dort, wo andere Urlaub machen". Tückisch: Bei der angegebenen Nummer handelt es sich nicht etwa um eine gleich zu erkennende teure Mobilnetznummer, sondern um eine scheinbar ganz normale Festnetznummer. Am anderen Ende der Leitung fragt eine Frauenstimme persönliche Daten ab. Wenige Tage später erhält der Anrufer eine Rechnung über 59,40 Euro, die vermerkt, dass "durch die Nutzung der Servicenummer ein rechtlicher wirksamer Vertrag" zustande gekommen sei - das, so Rechtsexperten, sei aber höchst zweifelhaft. Zwar besteht die Möglichkeit, die Allgemeinen Geschäftsbedingungen abzuhören, wo auch auf die Kostenpflichtigkeit hingewiesen wird. "Aber das reicht für eine vertragliche Einigung über einen entgeltlichen Dienst nicht aus", sagt Bernd Krieger, Leiter des Europäischen Verbraucherzentrums in Kiel. Er habe sogar erlebt, dass Menschen "aus Versehen" auf der Nummer anriefen - und prompt zur Kasse gebeten wurden.
Für ihn ist die Sache klar: "Das ist Abzocke. Die Leute werden solange mit Mahnbescheiden unter Druck gesetzt, bis sie entnervt oder aus Angst vor rechtlichen Folgen aufgeben und zahlen. Einige tun das auch: Für die Betrüger kann es sich aber lohnen, wenn nur 100 von 1000 Menschen zahlen."
Wann oder ob überhaupt jemand von dem Anschluss im Haus Harms telefoniert hat, ist unklar. Grete Harms lag Anfang Juli mit einer schweren Rauchvergiftung im Krankenhaus. Ein defekter Heizlüfter hatte zuhause Feuer gefangen, das Erdgeschoss unbewohnbar. Drei Wochen verbrachte sie in einem Pflegeheim, während Handwerker die Schäden behoben. Der Anschluss war in diesem Zeitraum nicht gesperrt.
Grete Harms ist 79 Jahre alt, eine einfache Frau, die fast nur plattdeutsch spricht. Sie sitzt jetzt auf ihrem Lieblingsplatz neben dem Kachelofen, einem Holzstuhl. Der 9.2.1952 ist darauf modelliert - das Hochzeitsdatum der Eheleute Henry und Grete Harms. Das Zimmer verströmt eine urige Behaglichkeit: Eine antike Wanduhr steht da, ein 50 Jahre alter Rundfunkempfänger und eine robuste Kommode. Sie verlässt ihr Haus so gut wie nie, empfängt selten Besuch. Morgens kommt die Pflege. Von Mehrwertdiensten, Sex-Chats und schmuddeligen Rufnummern hatte sie noch nie gehört. Sie beschloss, die Rechnung erst einmal zu ignorieren - so wie etliche andere Betroffene auch.
Die Reaktion folgte prompt: ein Mahnbescheid der von "Primera Factura" beauftragten "diagonal inkasso". Grete Harms sollte die 59,40 Euro plus 28 Euro Inkassogebühr auf ein Konto der Sparkasse Harburg-Buxtehude überweisen. Als Kontoinhaber war "Primera Factura" angegeben - die Kontonummer aber gehörte der Inkasso-Firma. "Da ist was faul. Wenn die Firmen zusammengehören sollten, dürfte die diagonal selbstverständlich keine Inkasso-Gebühren erheben", sagt Anneke Voss, von der Hamburger Verbraucherzentrale.
Der Fall ist der Sparkasse Harburg-Buxtehude unangenehm. Etliche Betroffene aus dem Bundesgebiet hätten sich telefonisch beschwert, die Sparkasse habe daraufhin eigene Recherchen angestellt. Ob "diagonal inkasso" noch Geschäftspartner ist, wollte die Sparkasse mit Verweis auf das Bankgeheimnis nicht bestätigen. "Fest steht aber: Wir haben keine Geschäftsverbindung zu Primera Factura", sagt Pressesprecher Andreas Sommer.
Die letzte Forderung an Frau Harms datiert auf den 19. September und ist auf 133 Euro gestiegen. Das Schreiben gleicht einem Ultimatum und warnt in gefetteten schwarzen Lettern: "Müssen wir wirklich soweit gehen?" Da bekam Frau Harms zum ersten Mal richtig Angst.
Rund 30 000 Kunden nutzen jeden Tag Telefon-Sex-Angebote in Deutschland. Grete Harms Mann Henry gehört nicht dazu, soviel steht fest: Frau Harms habe die Sterbeurkunde ihres Mannes geschickt, die "diagonal inkasso" habe die Akte geschlossen und an die "Primera Factura" geleitet, erklärte das Unternehmen auf Abendblatt-Anfrage. Die Kosten für das windige Sex-Chat-Abo könnten also erlassen werden - und eine alte, kranke Frau könnte wieder besser schlafen.


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