Neuwiedenthal: Vor zehn Jahren schockierte der Selbstmord eines 17-Jährigen
Vieles ist im Stadtteil besser geworden
Der damals gegründete Förderverein zieht Bilanz: Das Jugendcafé funktioniert, die Jobberatung auch, aber Sparmaßnahmen drohen.
Neuwiedenthal. Es ist zehn Jahre her: Der junge Neuwiedenthaler Mirco S. setzte seinem Leben ein Ende und sprang vor eine S-Bahn. Mirco war 17 Jahre alt, verzweifelt. Er wurde von gleichaltrigen Jungen erpresst und mochte sich niemandem anvertrauen. Sein Selbstmord war eine Verzweiflungstat - aber eine, die Signalwirkung hatte. Erst nach seinem Tod wurden die Hintergründe bekannt. Neuwiedenthal, die Großsiedlung im Hamburger Süden mit etwa 12000 Einwohnern, war plötzlich in den Schlagzeilen.
Und heute: Die Eltern von Mirco sind weggezogen. Am Eingang zum S-Bahnhof gibt es eine Art Gedenkstätte an den Jungen. Die Täter von damals, die Mirco in den Tod getrieben haben, haben ihre Strafe verbüßt. Sie sind heute noch in Neuwiedenthal. Manche kennen sie. Doch Susanne Lindenlaub-Borck, Pastorin von St. Thomas und Vorsitzende des Fördervereins Neuwiedenthal, sagt: "Sie sind unauffällig, nicht wieder straffällig geworden."
Der Förderverein hat sich nach Mircos Tod gegründet. Das Ziel: Die Bedingungen für die jungen Leute in der Siedlung sollten verbessert werden. Das ist zumindest teilweise erreicht, bestätigt auch Eckhard Korte, 2. Vorsitzender, selbst Neuwiedenthaler. Äußeres Zeichen: Im Juni 1999 wurde das Jugendcafe am Rehrstieg eröffnet. Träger ist der Förderverein mit rund 30 Mitgliedern. Er hat das Grundstück von der Stadt erhalten, hat fast 100 000 Mark für das Holzhaus gesammelt. Geld kam vom Spendenparlament, vom Abendblatt-Verein "Kinder helfen Kindern", von der Peter-Mählmann-Stiftung, von Bauunternehmen.
Das Cafe am Rande des Bauspielplatzes sollte das Angebot für junge Leute verbessern und Vertrauen aufbauen helfen. Gewaltprävention war dabei ein erstes Anliegen. Das Jugendcafe ist ein beliebter Treffpunkt, auch wenn junge Mädchen dort fast nie auftauchen. Statt der Gewaltprävention steht heute die Betreuung arbeitsloser junger Männer im Vordergrund.
Die Arbeit von Leiterin Catherine Bartl und Mitarbeiter Bashi Bekirogullari ist erfolgreich. Außer Billard, Kicker und Spielmöglichkeiten im Freien gibt es für die 40 bis 50 jungen Leute zwischen 14 und 21 Jahren zum Beispiel Boxtraining, das die Wasserwerke sponsern, und demnächst eine Kochgruppe für die Jungen, die vom Inner-Wheel-Klub unterstützt wird.
Dann ist da noch die Sozialpädagogin Doreen Putbrese. Sie leitet - finanziert vom Kirchenkreis Harburg mit halber Stelle - die Jobbörse. Im Jugendcafe, im Büro der Straßensozialarbeiter am Stubbenhof und im Mädchenklub, Lange Striepen, berät sie junge Leute, schreibt mit ihnen Bewerbungen.
Viele junge Leute in der Siedlung haben keine Lehrstelle, einige haben aber durch die Jobbörse doch noch eine gefunden. Doreen Putbrese und der Vorstand des Fördervereins Neuwiedenthal sind stolz auf die Erfolge. Sind sie zufrieden mit der Situation in der Großsiedlung? Pastorin Lindenlaub-Borck und ihre Vorstandskollegen sehen Fortschritte. Vor allem, was das Zusammenleben in Neuwiedenthal, das Miteinander von Gruppen und Organisationen angeht. Aber die Situation der jungen Leute ist längst nicht ideal.
Ob ihnen weiter geholfen werden kann - der Vorstand des Fördervereins ist sich nicht sicher. Die Stelle der Jobbörse ist nur bis Ende 2007 finanziell abgesichert. In Planung ist ein "Communications-Center" im neuen Wohngebiet "Neugrabener Wiesen" am Rande der Siedlung. Es soll 2010 bezogen werden.
Aber - so Susanne Lindenlaub-Borck - nur die Baukosten scheinen gesichert zu sein. Um den Betrieb möglich zu machen, soll schon jetzt bei bestehenden Einrichtungen gespart werden. Auch beim Jugendcafe. Und schon jetzt sind - etwa im Haus der Jugend am Neumoorstück - Stellen unbesetzt. Die Vorsitzende des Fördervereins ist mit der Lage deswegen auch gar nicht einverstanden.
Fazit nach acht Jahren Jugendcafe am Rehrstieg und zehn Jahre nach dem Freitod von Mirco: Es ist manches für die Jugendlichen im Stadtteil besser geworden. Aber längst nicht alles gut.


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