"Mut und Angst ergibt Kraft"
Schicksal: Eine Frau meistert ihr Leben. Zebin Gernlach konnte sich nach einem Schlaganfall nicht bewegen, nicht sprechen. Jetzt hat sie ein Buch darüber geschrieben.
Lüneburg. Zebin Gernlach war 40, als ihr Leben sich schlagartig veränderte. Die Lüneburgerin erlitt eine Thrombose im Stammhirn, lag tagelang im Koma und viele Wochen in einer Welt zwischen Leben und Sterben - im "Sterbeleben", wie sie diese Zeit selbst nennt. Elf Jahre nach Schlaganfall, Koma und Reha sagt die heute 51-Jährige: "Wenn man akzeptiert, wozu man berufen ist, dann hat alles sein Gutes."
Sie selbst ist dazu berufen, ein Leben nach einem Schlaganfall durchzustehen, denkt die Wahl-Lüneburgerin. Dabei hat ihr weniger der Glaube auf dem Weg ins neue Leben geholfen denn eigene Erfolge: wieder sprechen können, wieder besser sehen können, stückchenweise zurückgehende Lähmungen.
Ein Pfropf in der Schädelbasisarterie hatte eines Nachts die Blutversorgung in ihrem Gehirn unterbrochen: Schlaganfall. Zwei Wochen lag die Mutter zweier Kinder (damals 18 und 19 Jahre alt) im Koma - bei Bewusstsein, aber eingeschlossen im eigenen Körper: unfähig zu sprechen, auch nur einen Finger zu bewegen. Locked-in-Syndrom nennen Ärzte das. Alptraum nennen es alle anderen.
"Man wacht ja zum Glück irgendwann auf", schreibt ihr Sohn im Vorwort des Buches "War ich nicht tot genug?", das seine Mutter über ihre Zeit während und nach dem Koma geschrieben hat. "Aber was, wenn man mal nicht aus so einem Alptraum aufwacht?" Zebin konnte nicht aufwachen, nicht weglaufen, nicht schreien. Sie war gelähmt.
Sie träumte nicht von Engeln, nicht von Lichtquellen am Ende eines dunklen Tunnels. Zebin Gernlach träumte von Röhren aus Holz, in denen sie gefangen, von Masten, an denen sie gefesselt war und von Schnüren im Hals, an denen sie erstickte. Dann änderten sich die Träume, die Autorin sagt, sie konnte sich damals entscheiden, ob sie leben oder sterben wollte. "Ich entschied mich für das Leben", erzählt sie, "auch wenn das die risikoreichere Alternative war." Bereut hat die 51-Jährige ihre Entscheidung in den elf Jahren danach noch nie, auch wenn sie nach insgesamt einem Jahr Krankenhaus noch vier weitere Jahre brauchte, sich mit ihrem neuen Leben abzufinden: einer gelähmten linken Körperhälfte, Rollstuhl und Dreirad, keine Spaziergänge. Das Gehen hat Zebin mühsam wieder erlernt, schafft heute kurze Strecken mit ihrem Stock. Dafür kann die gelernte Erzieherin - seit dem Schlaganfall Rentnerin - heute andere Sachen gut: Sie malt, sie fotografiert, schreibt gerne und arbeitet am Computer. Zurzeit nimmt sie für ihren wenige Wochen alten Enkel ein Hörbuch auf: "Pu der Bär".
Es in ihr neues Leben zu schaffen, hat die Tochter eines Landwirts aus einem Dorf bei Dahlenburg auch durch ihr Buch geschafft: Ihre Alpträume schildert die Autorin darin, und wie sie nach der Rückkehr ins Leben Schritt für Schritt kleine Erfolge feierte. "Die gaben mir Mut", sagt Zebin Gernlach, "und die richtige Mischung aus Mut und Angst ergibt Kraft." Bei Zebin Gernlach stimmt die Mischung.


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