NPD-Marsch durch gespenstisch leere Straßen
Ausnahmezustand: Polizei riegelte Stader Süden komplett ab. 170 "Kameraden" und 1200 Gegendemonstranten sorgten für einen riesigen Aufmarsch an Sicherheitskräften.
Stade. Die Stadt glich am Sonnabend einem Heerlager. Gesperrte Straßen und Brücken, südlich der Bahnlinie soviel Polizei wie nie in der jüngeren Geschichte der Stadt: Ausnahmezustand in Stade für die Meinungsfreiheit von Adolf Dammann (66). Mit rund 170 Kameraden protestierte der Anführer der niedersächsischen NPD aus Buxtehude gegen eine Verurteilung wegen Verunglimpfung des Staates und Beleidigung durch das Amtsgericht.
Weil bei jedem Neonazi-Aufmarsch mit Störungen durch die Antifa zu rechnen ist, hatte die Polizei den Süden Stades nahezu komplett abgeriegelt. Dammann und sein Gefolge aus jungen Leuten kreiste drei Stunden im Nieselregen durch gespenstisch leere Straßen.
Um 10 Uhr war im Altländer Viertel, dem vorwiegend von Ausländern bewohnten Stadtteil, eine Demonstration gestartet, die den NPD-Anhängern deutlich machen sollte, daß sie die ungebetenen Gäste sind. Etwa 1200 Menschen waren dem Aufruf von Buxtehuder Schülern, Antifa, Gewerkschaften, SPD und Linkspartei gefolgt. Vor allem auf den Schulhöfen in Buxtehude war im Vorfeld viel über die Verführung Jugendlicher durch "Rechtsrock" diskutiert worden.
Auf dem Wilhadikirchhof versammelten sich 200 Menschen zu einer Kundgebung unter dem Motto "Stade stellt sich quer". Superintendent Rudolf Rengstorf nannte die NPD "Fälscher und Brunnenvergifter der Demokratie". Die SPD-Bundestagsabgeordnete Margrit Wetzel rief zur Wachsamkeit gegenüber Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus im Alltag auf. Das Bündnis gegen Rechts werde weiterarbeiten, kündigte Annette Düring vom DGB an.
Gleichzeitig wütete Adolf Dammann bis zur Heiserkeit auf dem Berliner Platz gegen die "Kriminalisierung freier Deutscher". Er sei Opfer eines "Kriegs gegen Andersdenkende", geführt von "Gutmenschen-Pöbel" und "Antifa-Banden" - "wie vor 60 Jahren". Mit dem Hamburger Alexander Hohensee (19) meldete sich ein bekennender "Nationalsozialist" zu Wort. Der Staatsschutz prüft, ob er sich mit seinen Beschimpfungen in alle Richtungen strafbar gemacht hat.
Weil ihm diesmal für seinen Aufmarsch die Innenstadt verwehrt worden war, drohte Adolf Dammann eine weitere Demonstration an. Bei den im September anstehenden Kommunalwahlen gilt die Fünfprozenthürde in Niedersachsen nicht mehr. Im ländlichen Raum rechnet die NPD sich Chancen aus.
Der Auftritt der selbsterklärten "Meinungsverbrecher" verlief insgesamt ohne nennenswerte Zwischenfälle, bilanziert die Polizei. Über Zahlen der eingesetzten Beamten schweigt sie. Zwischen 1500 und mehr als 3000 schwanken die Schätzungen von Beobachtern.
Versuche der Antifa, in die Nähe der NPD-Demonstranten zu gelangen, endeten mit 170 Platzverweisen. Aus Bayern war eine Spezialeinheit im Einsatz, die Straftäter aus Menschenmengen herausfischen kann. 26 Personen wurden vorläufig festgenommen, 50 Ermittlungsverfahren eingeleitet.
Die aus ganz Norddeutschland angereisten NPD-Anhänger bestiegen unter Polizeibegleitung einen Sonderzug Richtung Hamburg. Die Sperrungen rund um den Bahnhof, das Nadelöhr in Richtung Süden, wurden um 16 Uhr aufgehoben.


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