"Fietes" Törn in den Museumshafen
Reiherstieg: Neu angestrichen schipperte das alte Festmacherboot vom Trockendock in Harburg zurück zum Liegeplatz in Oevelgönne.
Harburg. Hermann Friedemann (47) hat stets alle Hände voll zu tun. Als Inhaber der Werft "Yachtzentrum Harburg" ist er in den Hallen und draußen auf dem Gelände im Harburger Binnenhafen mit Reparaturen, dem Bau und Restaurierungen sämtlicher Schiffstypen vollauf beschäftigt. Deshalb nutzt er jede Gelegenheit, um ein paar freie Stunden auf dem Wasser zu genießen. Die bescherte ihm nun "Fiete". Das alte Festmacherboot aus dem Hamburger Museumshafen Oevelgönne lag bei ihm auf dem Trockendock.
Mit neuer Lackierung in der für Barkassen typisch braunen Farbe, wartete es nun nach mehreren Wochen Ruhepause startklar im Wasser und auf seine Überführung in den Hamburger Hafen. Das übernahm Hermann Friedemann ganz persönlich und "natürlich sehr gern", sagte er. In Begleitung seiner Lebensgefährtin Elke Eschner (37), einer kleinen befreundeten Crew an Bord, einer mit Leckereien gefüllten Picknicktasche und viel Unternehmungsgeist ausgestattet, ließ er den Werftalltag für ein paar Stunden hinter sich. "So eine Gelegenheit muß man nutzen", sagte er und erklärte die Route. Die war nicht so gesteckt, daß sie auf dem direkten Weg nach Oevelgönne führte. "Wenn wir schon die Gelegenheit haben, dann wollen wir auch die Seitenkanäle befahren und schauen, was sich da in der Vergangenheit so alles getan hat."
Richtung Harburger Schleuse kam "Fiete" schnell in Fahrt. Vorbei an den Anglern überquerte das Schiff die Süderelbe und nahm Kurs auf den Reiherstieg. Hier drosselte Hermann Friedemann den 120-PS-Motor, damit der Crew auch ja nichts verborgen blieb. Sein Freund Jens Olof Pihl (58), Nachfahre einer norwegischen Einwanderer-Familie, Seefahrer und Festmacher aus Leidenschaft, übernahm das Ruder und begann zu erzählen. Mit seinen Erinnerungen aus der Kattwyker Kindheit riß er die Mannschaft schnell in seinen Bann. "Schluß Gruve heißt das hier", sagte er und bog mit "Fiete" in einen kleinen Seitenarm des Reiherstiegs, der die Ausflügler mit seinen tiefhängenden Weiden und dem üppig blühenden Pflanzen in blankes Erstaunen versetzte: "Mann, ist das idyllisch hier", sagte Co-Kapitän Peter Zehler. "Mit dieser Begrünung hat sich die Natur ihr Recht zurückgeholt."
Je weiter "Fiete" auf Kurs Abenteuer ging, desto mehr genossen alle den Blick über die scheinbar unberührte Natur, die sich ihnen nach Durchfahrt der Ernst-August-Schleuse bot. So weit das Auge reichte bildeten unzählige Seerosen einen gelb-grünen Teppich im ruhig fließenden Ernst-August-Kanal. Meterhohe Brombeerhecken ließen keinen Blick mehr auf das Festland zu. Im Assmann-Kanal zog "Fiete" vorbei an hübsch gepflegten Kleingartenanlagen und an dem Platz, wo das Schiff von der ehemaligen Firma Albert Bonne (CEDE) einst gebaut wurde. Spielende Kinder winkten den seltenen Besuchern zu und sie hatten Glück, daß Hermann Friedemann ihnen ihren Ball aus dem Wasser fischte.
"Stellt euch vor", sagte er immer wieder zu seinen Freunden auf dem Festmacherboot. "Wir sind hier mitten in Hamburg. Man könnte doch denken, wir wären hier in der Walachei." Alle "Matrosen" stimmten ihm zu und genossen um so mehr ihre private alternative Hafenrundfahrt.
Geschickt manövrierte Jens Olof Pihl vorbei an Duckdalben und querliegenden Baumstämmen, die die sonst so erholsame Weiterfahrt Richtung Wilhelmsburger Dove Elbe ab und zu erschwerten. Immer wieder erzählte er von früher, zeigte auf Stellen, an denen er als Butje mit seinen Freunden sorglos badete. Während "Fiete" weiter seine Bahnen unter den zahlreichen Brücken hindurch zog, unterhielt er die aufmerksame Crew mit Anekdoten von Kattwyk und Wilhelmsburg, früher und heute.
In der Ellerholz-Schleuse mußten die Harburger sich den Platz mit fünf Hafen-Barkassen teilen. Kein Problem für die erfahrenen "Fiete"-Schipper. Die Touristen nutzten die Wartezeit für einen Schnappschuß des nostalgischen Festmacherboots und winkten ihm hinterher, als er stolz seinen Ausflug fortsetzte.
Trotz seiner 55 Jahre, zeigte "Fiete" allen, daß er noch längst nicht zum "alten Eisen" gehört. Das "lebendige Museum", wie es alle liebevoll nennen, muß zwar nicht mehr wie früher hart arbeiten und den großen Containerschiffen beim Festmachen behilflich sein. Doch das 6,50 Meter lange und zwei Meter breite "Arbeitstier" schwimmt nicht nur untätig herum. Im Museumshafen Oevelgönne, Hermann Friedemann ist Mitbegründer des Vereins, übernahm es neue Aufgaben. "Dort wird es zum Beispiel zum Manövrieren der Museumsschiffe eingesetzt", sagte er.
Etwas wehmütig, aber hoch begeistert von der nicht alltäglichen Tour, ging die Crew von Bord. Vollgepumpt mit unzähligen Eindrücken der vielen "Sehenswürdigkeiten" entlang der Route: Alte und hochmoderne Betriebe und eroberndes Grün an den Ufern - gern wären alle wieder an Bord gegangen, um die Strecke noch einmal zurückzufahren. Dann aber am liebsten wieder mit "Fiete", versteht sich.


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