Stades Alu-Werker kämpfen weiter
Hoffnung: Heute verabschiedet der Stadtrat eine Resolution für das Werk. Der Betriebsrat fährt nach Berlin.
435 Menschen werden nach Betriebsratsangaben ihren Arbeitsplatz verlieren, wenn der norwegische Norsk Hydro Konzern wie beschlossen sein Aluminium-Werk in Stade "so bald wie möglich" jedoch spätestens zum Jahresende 2006 schließen wird. Für die meisten Beschäftigten sehen die Chancen, einen neuen Job zu finden, besonders düster aus: Rund 60 Prozent der Mitarbeiter sind bei Hydro angelernte Chemiewerker, deren Qualifikation so speziell ist, daß sie nirgendwo gebraucht werden. Etwa ein Fünftel der Hüttenwerker ist älter als 50 Jahre - und damit am Arbeitsmarkt nicht mehr gefragt.
Hinter den Kulissen laufen unter Hochdruck die Bemühungen, die drohende Arbeitslosigkeit mehrerer hundert Menschen abzuwehren. Ziel ist es, die Schließung des Stader Hydro-Werks zumindest bis Ende 2008 hinauszuzögern. Eine von Hydro ins Leben gerufene Aluminium Beschäftigungs-Entwicklungsgesellschaft (HAB) hat damit begonnen, Investoren für Teile des Werks zu suchen. Das Ziel: 300 neue Arbeitsplätze am Standort Stade.
Die neuesten Anläufe des Stader Hydro-Betriebsrats: Der Betriebsratsvorsitzende Jörg Gabriel (44) und Kollegen werden zusammen mit der SPD-Bundestagsabgeordneten Margrit Wetzel aus Horneburg am Mittwoch, 13. Juli, im Bundeswirtschaftsministerium um Hilfe bitten. Außerdem werden sie mit dem norwegischen Botschafter in Berlin sprechen. Hintergrund: Die Norsk Hydro ist teils staatlich, die Regierung hat Einfluß auf die Unternehmensgeschicke. Auch ein Gespräch der Stader Delegation mit dem Präsidenten der Hydro Aluminium, Jon-Harald Nilsen, soll in den nächsten Wochen stattfinden.
Der Stader Stadtrat wird in seiner Sitzung am heutigen Montag, 11. Juli, 15.30 Uhr, im Rathaus eine Resolution verabschieden, in der die Norsk Hydro und die Hydro Deutschland GmbH aufgefordert werden, die Entscheidung, das Stader Werk zu schließen, zurückzunehmen, bis ein endgültiges Ergebnis der Verhandlungen über zukünftige Strompreise vorliegt. Hydro begründet die Werksschließung mit zu hohen Strompreisen in Deutschland. Inzwischen wächst der öffentliche Druck auf die großen deutschen Stromerzeuger, ihre Preise zu senken.
Der Stader Rat fordert Hydro auf, die Interessen der Stadt und ihrer Mitarbeiter ernst zu nehmen. Betriebsratsvorsitzender Gabriel ist überzeugt, daß die scharfen Worte aus Stade in Oslo Wirkung zeigen. Hydro lege Wert auf ein gutes Image und Protest störe da. Gabriel: "Jedes öffentliche Bekenntnis zu uns hilft."
Hunderte Kreuze aus Aluminium, auf jedem steht der Name eines anderen Mitarbeiters, säumen die Zufahrt zum Werk. Ein Friedhof für den öffentlichkeitswirksamen Protest: Hinter jedem verlorenen Arbeitsplatz steckt ein menschliches Schicksal. Die Stimmung in der Belegschaft, berichtet Jörg Gabriel, sei zwiespältig: Viele wollten kämpfen, andere hätten bereits resigniert.
Einer, für den aufzugeben nicht in Frage kommt, ist Aykut Aygör (33) aus Stade. Seit 1990 ist er in dem Aluminiumwerk beschäftigt. Zuvor hat er nach der mittleren Reife eine Lehre als Chemielaborant abgebrochen. Er ist einer von den speziell von Hydro angelernten Chemiewerkern, die mit dieser Qualifikation eigentlich nur in einem der insgesamt vier anderen Aluminiumwerke in Deutschland arbeiten könnte. Er hat eine Frau und zwei Kinder (5 und 7) zu ernähren und muß sein Haus abbezahlen. "Für die Kinder wäre es am schwersten, müßte ich von hier fortziehen", sagt er. "In Stade haben sie ihre Großeltern, Verwandten und Freunde."
Die Agentur für Arbeit in Stade steht bereits in Kontakt mit dem Aluminiumwerk. Neben den Chemiewerkern sind vor allem Industriemechaniker und -elektroniker sowie Verwaltungsmitarbeiter dort beschäftigt. Die Agentur für Arbeit räumt ein, daß Hüttenberufe kaum nachgefragt seien. Doch Umschulungen seien möglich. Ilona Kramer, Sprecherin der Agentur: "Eine erfolgreiche Umschulung hängt nicht unbedingt vom Ausgangsberuf ab."


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