Ungeklärt: Wie starb unsere Jelena?
Juni 2002: Der Tag, an dem sich das Leben von Familie Rusic veränderte. Damals wurde die kleine Tochter totgefahren. Seitdem ringt ein Anwalt mit der Versicherung der Unglücksfahrerin.
Jesteburg. In Jelenas Zimmer stehen noch Fotos von ihr auf dem Schreibtisch. Viele Dinge, Kleinigkeiten, erinnern an das lebenslustige Mädchen, das viele Freundinnen hatte und gerne in die Schule ging. Djordje Rusic: "Wenn ich aus dem Fenster sehe, sehe ich sie da draußen noch spielen." Eigentlich wollten die Rusics von Hamburg in ihre Heimat, das heutige Serbien, zurückkehren. Dragana Rusic (38) und die beiden Kinder Jelena und Aleksander, damals fünf und drei Jahre alt, wohnten schon in Serbien. Die Kinder gingen dort in einen Kindergarten. Djordje Rusic (44) fuhr zu der Zeit noch in Hamburg, wo die Familie jahrelang gelebt hatte, Taxi. Er wollte in wenigen Wochen nachkommen. Das war im Herbst 1998. Djordje Rusic: "Dann hörten wir in den Nachrichten von den Bombardements in Serbien, ich fuhr hinunter und holte meine Familie zurück nach Deutschland. Auf der Rückreise sind wir in Jesteburg gelandet." Die Rusics fanden gleich Arbeit und eine Wohnung, die Kinder einen neuen Kindergartenplatz in Jesteburg. Die Familie lebte sich schnell ein und fühlte sich wohl. Und dann kam der 13. Juni 2002, ein Tag, der das Leben der Familie völlig veränderte. An diesem Tag war Jelena mit ihrem Fahrrad im Schierhorner Weg in Jesteburg unterwegs. Das Mädchen, ihr Vater beschreibt sie heute als sehr umsichtig im Straßenverkehr, wollte die Straße überqueren, wurde von einem Auto erfasst und erlag im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen. Das ist nun ein Jahr her, noch heute kämpft die Familie Rusic darum, dass die Versicherung der Autofahrerin, die Mutter von Jelenas bester Freundin, wenigstens die Bestattungskosten übernimmt. "Den Schmerz über den Tod unserer Tochter kann uns niemand nehmen, aber ich verstehe nicht, warum die Versicherung nicht wenigstens die Bestattungskosten übernimmt", sagt Djordje Rusic. Es fällt den Rusics schwer, über Jelena zu sprechen. Die Briefe ihres Rechtsanwaltes, der in ihrem Namen gegen die Württembergische Versicherung in Stuttgart prozessiert, können sie nicht lesen, ohne dass ihnen die Tränen kommen. Djordje Rusic: "Wir funktionieren nur noch, mit Leben hat das nichts zu tun. Hätten wir Aleksander nicht, ich weiß nicht, was jetzt mit uns wäre." Es geht um knapp 4000 Euro. Für die Württembergische Versicherung ist die Rechtslage eindeutig. Die Versicherung, die im Fernsehen mit einer glücklichen Familie und dem Slogan "Der Fels in der Brandung" wirbt, will nicht zahlen. Wegen des schwebenden Verfahrens vor dem Tostedter Amtsgericht hieß es aus Stuttgart: kein Kommentar. Für den Buchholzer Rechtsanwalt und Spezialisten in Haftungs- und Versicherungsrecht, Jürgen Hennemann, der die Rusics vertritt, ist die ganze Angelegenheit ein Skandal. Hennemann: "Ein Beileidsbrief und ein Verrechnungsscheck wären hier weitaus angebrachter, als den Eltern diese leidvolle Diskussion über die Bestattungskosten für ihre tote Tochter zuzumuten." Hennemann erhebt gleichfalls schwere Vorwürfe gegen die damals ermittelnde Polizei, die den Unfall aufgenommen hatte. "Es ist bis heute nicht eindeutig geklärt, wie sich der Unfall genau zugetragen hat. Es wurde nie ein Unfallrekonstruktionsgutachten erstellt, das diese Fragen hätte klären können. Die Behauptung der Versicherung, der Unfall wäre für die Autofahrerin unabwendbar gewesen, ist eine Behauptung in den blauen Dunst hinein. Wir wissen nicht, ob sich Jelena nicht ganz vorsichtig in den Verkehr vorgetastet hat. Es gibt keine Zeugen." Es sei demnach nicht bewiesen, dass die Autofahrerin wirklich alles getan habe, um den Unfall zu verhindern. Nach Hennemanns Auffassung stützt sich die Versicherung auf ein mangelhaftes Haftungsrecht, das zum Zeitpunkt von Jelenas Tod in Deutschland noch galt und erst im August 2002 geändert wurde: Gelingt es der Versicherung zu beweisen, dass der Unfall für die Autofahrerin unabwendbar und trotz größter Sorgfalt nicht zu verhindern gewesen ist, muss sie nicht zahlen. Hennemann aber ist der Überzeugung, dass dieser Beweis nicht zu führen ist. "Die Fahrerin fuhr 50 Stundenkilometer, zu schnell für ein reines Wohngebiet. Außerdem steht an der Unfallstelle eine zwei bis zweieinhalb Meter hohe Hecke. Ihre Sicht war demnach beschränkt", so Jürgen Hennemann. Es wäre also jederzeit damit zu rechnen gewesen, dass ein Kind hinter der Hecke steht und auf die Straße geht. Für Jelenas Eltern steht diese Diskussion um Rechtsfragen außerhalb ihres Fassungsvermögens. Djordje Rusic: "Es fällt uns schwer zu verstehen, dass unser Kind wegen einer zu hohen Hecke sterben musste." Und auf die Kulanz der Versicherung werden die Rusics wohl kaum hoffen können.


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