Harburger Fans sind fassungslos
Nach der 0:1-Niederlage der deutschen Fußballer gegen Serbien herrscht Ernüchterung beim Public Viewing
Harburg. Kein Autokorso mit Deutschland-Fahnen auf dem Harburger Ring. Kein Aufschrei der Freude bei den Harburger Fußball-Fans nach der unglücklichen Niederlage der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen die serbische Elf im südafrikanischen Port Elizabeth. Stattdessen herrschte bei den Fans in Harburg am Freitagnachmittag nach dem Spiel Trauer und ungläubiges Staunen.
"Der spanische Schiedsrichter hat das Spiel eindeutig verpfiffen", lautete der Tenor unter den rund 350 Fußball-Fans, die Freitagmittag in den Harburger Rieckhof zum "Public Viewing" gekommen waren. "Mit der unberechtigten gelb-roten Karte für Miroslav Klose hat sich das Spiel eindeutig gewendet", sagte der Harburger Marko Wodrich, 31, wenige Minuten nach Spielende. "Nachdem Lukas Podolski in der 59. Minute den Elfmeter verschossen hatte, sind die deutschen Chancen fast erloschen. Mit der Auswechslung von Özil und Müller waren die Chancen auf ein Unentschieden oder einen Sieg dann vollständig dahin."
Deutschland wird ins Achtelfinale einziehen, sagen die Harburger
Jürgen Espig, 41, aus Harburg hätte zur Halbzeit Holger Badstuber ausgewechselt - "der hatte seinen serbischen Gegenspieler nie im Griff. Und den Spielmacher Özil auszuwechseln, war ein psychologisch falsches Zeichen."
Trotzdem waren sich die beiden Harburger gemeinsam mit den meisten Fans im Rieckhof einig: "Deutschland wird Ghana schlagen und ins Achtelfinale einziehen. Wir kommen eindeutig weiter."
Vor dem Anpfiff hatte die Euphorie der Harburger Fans noch keine Grenzen gekannt. Der Harburger Altenpfleger-Azubi Chris Kaltenbach, 21, hatte sich den Tag "extra freigehalten". Mit einem Deutschland-Rock, Deutschland-Umhang, einer Deutschland-Flagge, einer Deutschland-Perücke und zwei Deutschland-Tatoos auf den Wangen kam er voller Euphorie in den Rieckhof. "Deutschland wird drei zu null gewinnen", sagte Chris Kaltenbach. "Wir kommen ins Finale, das werden wir knapp mit eins zu null gewinnen."
Auch die Beamtin Jessica Venderbosch, 33, und ihre Kollegin Betina Schlemmer, 49, aus Harburg waren sich sicher: "Deutschland gewinnt vier zu null."
Nach dem Spiel konstatierten die Beamtinnen: "Dass Deutschland verloren hat, ist natürlich schon eine Enttäuschung - wir haben uns extra für das Spiel frei genommen und nur bis 12 Uhr gearbeitet."
Die McDonald's-Mitarbeiterin Verena Schütze, 28, aus Neuwiedenthal hat sogar gemeinsam mit ihrem Partner Markus, 35, für die ganze WM Urlaub genommen - "weil ich Fußball mag und weil meine Tochter Leonie zurzeit nicht in den Kindergarten kann". Die deutsche Mannschaft müsse einfach weiterkommen, beschwor die Neuwiedenthalerin - "sonst hat der Urlaub keinen Sinn."
"Tröööööööt" - die Signalhupe des historischen Schiffes "Elbe" macht den Vuvuzelas Gäste im Veritas-Beach-Club Konkurrenz, als es im Lotsekanal am Public-Viewing-Zelt des Clubs vorbeigleitet. Drinnen sind schon eine halbe Stunde vor Spielbeginn nur noch Stehplätze frei. Beke Netzeband, 32, ist mit ihren Kindern Frederick, 5, und Constantin, fünfeinhalb Monate, deshalb sehr früh gekommen, damit sie einen guten Sitz ergattern kann. Klar, dass sie wie viele Gäste Fußballtrikot trägt und schwarz-rot-gold auf ihre Wangen gemalt hat. "Deutschland gewinnt 3:1", ist sie sich sicher. Marius Dalibor, 16, und Marcel Paust, 19, mit Deutschland-Perücke und aufgemalten Fähnchen auf den gut trainierten Bizeps, tippen ebenfalls 3:1.
"Klar, wir gewinnen", sagt Marcel Paust. Als die Deutschland-Hymne erklingt, stehen viele der 600 Zuschauer auf, einige singen sogar leise mit, die rechte Hand auf dem Herzen, in der Linken die Bierflasche. Nur Sara Ronstano Inglesias, 14, und Chiara Innamotatu, 14, bleiben sitzen. Sie sind für Serbien, haben sich in die serbische Nationalfahne gewickelt. "Schade, dass so wenig Serben da sind", sagt Sara. Sie traut ihrer Mannschaft nicht so recht den Sieg zu. "Naja, ich tippe, dass Deutschland gewinnt."
Dann geht es los. Eine Vuvuzela erschrickt ein paar Fans in der zweiten Reihe. Dann die erste Torchance in der 20. Minute. "Geil, Poldi!", schreit ein Mädchen. Doch Lukas Podolski trifft nicht. "Ohhhh", tönt es aus der Menge. Kommt einer der deutschen Spieler dem gegnerischen Tor auch nur sechs Meter nahe, wird geklatscht. Dann, in der 37. Minute, der kollektive Beach-Club-Schock. Miroslav Klose bekommt eine geld-rote Karte und muss das Spielfeld verlassen.
In der Halbzeit brauchten viele Harburger einen Drink
"Dieser blöde Stierkampf-Typ", bezeichnet ein grauhaariger Anzugträger den Schiedsrichter aus Uruguay, der sich für das Spiel "kreativ frei" genommen hat. Dann wenige Sekunden später das Tor für Serbien. Erst Stille, dann Schock-Gebrüll. "Looser", rufen ein paar Jugendliche. Einzig Sara und Chiara jubeln, schwenken fröhlich ihre Fahne. Bei den spannenden Szenen danach vor dem serbischen Tor flammt Hoffnung auf. "Deutschland" wird skandiert.
In der Halbzeit holen sich viele der Harburger Fans erst einmal einen Drink. Mit dabei ist auch Jo-Ann Tonnhofer, 19. Sie hat sich eine "8" und Özil aufs großzügige Dekolleté gemalt. "Das ist mein Favorit. Der schießt bestimmt nachher noch ein Tor." Ihr kommen fast die Tränen, als ihr Fußball-Held in der 65. Minute rausgeht. Viele sind enttäuscht, als TV-Kommentator Bela Rethy nichts mehr schönreden kann und die deutsche Elf 0:1 verliert. Sie gehen stumm aus dem Zelt. Viele lassen ihre Vuvuzelas auf den Plätzen liegen.


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