Kundendienst: Die Arcaden Apotheke schließt täglich erst um 24 Uhr
Hier gibt's Hilfe bis Mitternacht
Egal ob Schmerzmittel oder Lippenbalsam: In Harburg wird das auch noch nachts verkauft - zur Freude der Kunden.
Harburg. Alexandru (27) aus Rumänien hat starke Zahnschmerzen, und es ist abends, kurz nach 22 Uhr. Was macht ein Mann kurz nach 22 Uhr in Harburg, der wegen starker Schmerzen kaum einen klaren Gedanken fassen kann? Woher um diese Uhrzeit noch ein Medikament bekommen? Eine Notdienstapotheke an der Heimfelder Straße hat noch auf - aber der Rumäne spricht kein Wort Deutsch und hat außerdem keinen blassen Schimmer, wo eigentlich die Heimfelder Straße ist. Für einen Harburger wäre das kein Problem, doch selbst der kann Pech haben unddie nächste Dienst habende Apotheke liegt dann in Neu Wulmstorf, Fischbek oder Wilhelmsburg liegen.
Aber es gibt seit einem Jahr eine Rettungsinsel für Menschen, die nach Feierabend oder am Wochenende krank werden und nicht zur nächsten Notdienst-Apotheke im südlichen Hamburg fahren wollen - oder nicht wissen, welche Notdienst-Apotheke gerade auf hat: die Arcaden Apotheke von Eva-Maria (37) und Lühr Weber (38) in der Lüneburger Straße 45, wenige Schritte von der S-Bahn-Station Harburg-Rathaus entfernt. Fast unglaublich, aber wahr: Die Arcaden Apotheke hat 365 Tage im Jahr von 8 Uhr morgens bis Mitternacht geöffnet - also auch Heiligabend, Neujahr, Ostersonntag und Himmelfahrt. Die Harburger Rundschau hat sich umgeschaut, was die Harburger spät am Abend noch in die Harburger City in eine Apotheke treibt. Der Befund: Die langen Öffnungszeiten werden von den Harburgern dankbar angenommen. Und sie kommen nicht nur wegen dringend notwendiger Medikamente, sondern auch, weil sie Zahnbürsten und Lippenbalsam kaufen wollen - nur an Sonn- und Feiertagen betreibt die Arcaden Apotheke einen reinen Notdienst.
Der Harburger Olaf Bruysten (34) will sich an diesem Abend mit Hustensaft eindecken. "Mein Husten sitzt tief hinten und fühlt sich sehr rau an", erklärt er der Apothekerin Claudia Meyke (44). Für 3,99 Euro bekommt er einen Hustensaft und zieht "mit einem guten Gefühl" wieder von dannen. Gülhan Oran (19) ist Spät-Stammkundin in der Arcaden Apotheke. Sie kauft an diesem Abend zwei Zahnbürsten und Salbeibonbons. "Ich komme meistens wegen Halsbonbons, wenn ich erkältet bin, oder ich muss Medikamente für die Mutti besorgen."
Um 21.20 Uhr kommen zwei Lieferanten mit Kisten voller Medikamente. "Wir können werktags noch bis 19 Uhr Medikamente bestellen - die liefert dann ein Großhändler aus Rahlstedt", sagt Apothekerin Claudia Meyke. Während sie die Ladung abzeichnet oder wenn sie in den Hinterraum geht und Medikamente holt, schaut der Sicherheitsdienstmitarbeiter Martin L. (28) nach dem Rechten.
Direkt aus der Harburger Mariahilf Klinik kommt eine Mutter in die Apotheke - ihre kranke Tochter (13) wartet derweil im Auto. "Ich habe im Krankenhaus zweieinhalb Stunden auf den Arzt warten müssen", sagt die Mutter. Jetzt hat sie ein Rezept in der Hand und bekommt von Claudia Meyke ein Antibiotikum, Hustenlöser und Nasentropfen.
Der nächste Fall ist auch ein Notfall: Jasmin Garlipp (45) kommt für ihren Mann Ralf (46). Dem hat der Zahnarzt am Nachmittag fünf Stifte in den Kiefer verpasst, und nun hat er so große Schmerzen, dass er sogar vergessen hat, sein Medikament in der Apotheke abzuholen. "Schön, dass es diese Anlaufstelle hier in Harburg gibt", sagt Jasmin Garlipp und verschwindet mit dem Medikament wieder in der Nacht.
Dem nächsten Kunden geht es eigentlich prächtig, er hat keine Schmerzen, aber er macht sich ein wenig Gedanken um sein Äußeres: Dario Orfano (20) fragt nach einem "Labello", die Apothekerin verkauft ihm ein "besseres Lippenbalsam", und der Harburger stürzt sich mit glänzenden Lippen gut gelaunt in das Nachtleben. Um kurz nach Mitternacht verschließt Claudia Meyke die Apotheke - Sicherheitsmann Martin Lauer bringt sie noch zum Auto, und die Apothekerin bilanziert: "Alle fünf Wochen habe ich drei Abende und einen halben Sonntag Notdienst. Dafür habe ich dann vormittags frei. Außerdem spüre die persönliche Dankbarkeit der Kunden noch viel direkter als im Normaldienst."


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