Randnotiz
Wo spielt eigentlich Sinusitis?
Neulich beim Arzt ereilte mich die Erkenntnis: Wer Lust hat, sich richtig demütigen zu lassen, sollte einen Mediziner konsultieren.
Mein von Atemwegsbeschwerden gebeuteltes Ich hat sich ja mittlerweile daran gewöhnt, routinemäßig Zehn-Euro-Schein, Versichertenkarte und sämtliche Selbstachtung am Praxistresen abzugeben. Aber schon danach wird's schwierig.
Die Psychologie des Wartezimmers überfordert mich jedes Mal: Setze ich mich neben die argwöhnisch dreinblickende Frau, die mich beim kleinsten Husten möglicherweise in den Schwitzkasten nehmen und kopfüber in die Wand rammen wird? Oder doch lieber neben die agile Großfamilie, deren ausgelassene Stimmung dafür spricht, dass nur ein Familienmitglied ernsthaft erkrankt ist?
Hinzu kommt die Frage: Welche Lektüre wähle ich? Moderne Menschen würden ihr Mobiltelefon zücken und im Internet stöbern. Ich allerdings suche geistige Zerstreuung im rückständigen Wälzen von Papier. Also sondiere ich das ausgelegte Angebot: Spiegel weg, Stern besetzt, selbst der Focus ist vergriffen. Jetzt wird's heikel. Glücklicherweise erblicken meine erkältungsgetrübten Augen die einzig akzeptable Alternativlösung für einen Mann: die Bunte. Einige Abendkleider später fühle ich mich gnadenlos underdressed. Mich überkommt das Bedürfnis, sämtliche Gucci- und Prada-Boutiquen zu stürmen, um die Versäumnisse der vergangenen 31 Jahre aufzuarbeiten. Doch noch bevor mein ordinär gekleidetes Selbstbewusstsein auf die Größe einer Dörrpflaume schrumpfen kann, die in der marokkanischen Mittagssonne ausgesetzt wurde, ruft der Arzt: Frau Binde, bitte!
Ich erhebe also meine offenkundig männliche Physis und danke dem Doktor für den großen Auftritt. Dann geht alles schnell. Nach der vierminütigen Untersuchung vermittelt mir der sensitive Halbgott in Weiß mit den Worten "Das sieht nach Sinusitis aus" ein gutes Gefühl - denn mit griechischem Vereinsfußball kenne ich mich aus. Während ich also überlege, ob Dimitrios Sinusitis bei AEK oder Panathinaikos Athen gespielt hat, hilft mir der Doktor mit seiner finalen Einschätzung auf die Sprünge: "Zweimal täglich Antibiotikum, dann geht's Ihnen bald besser!" Kleine Gänge nach Canossa, diese Arztbesuche.


Branchenbuch Hamburg
So kommen Sie voran
Das Rätsel des Tages

100. Geburtstag
Axel Springer
Abendblatt auf Facebook





