Hamburg-Mitte Hamburgs Dauer-Protestler: Demo seit acht Jahren

Foto: Juliane Kmieciak

Seit 2004 demonstriert eine Gruppe in der City jeden Montag gegen Hartz 4 und für mehr Gerechtigkeit in der Welt - aus ihrer Sicht.

Hamburg. Christian Kölle ist hartnäckig. Sehr hartnäckig. Und seine Freunde sind es auch. Seit acht Jahren treffen sie sich Montag für Montag vor dem Mönckebrunnen an der Spitalerstraße, um dort gegen Hartz 4 zu demonstrieren. Auch diesen Montag. Zum 443. Mal.

Hartz 4 – das ist jede Woche das Hauptthema. Aber die etwa 20 Mann starke Truppe hat auch noch andere Dinge, gegen die sie demonstriert. Zum Beispiel Atomkraft, Strompreiserhöhung und die potenzielle Unterdrückung der Frau. "Wir bringen verschiedene Strömungen zusammen", sagt Kölle. Der 60-Jährige ist seit der ersten Aktion im Jahr 2004 dabei. Auch wenn die Gruppe bisher noch keine großen Erfolge verzeichnen kann - ans Aufhören hat er noch nie gedacht. "Nichts zu machen bringt ja auch nichts."

Neben ihm stehen zwei Männer vor dem Mönckebrunnen, die ein großes Plakat in die Luft halten. Darauf steht ziemlich viel geschrieben: "Unbegrenzte Fortzahlung des Arbeitslosengeldes – Arbeit und Zukunft – 30-Stundenwoche bei vollem Lohnausgleich – Mindestlohn 10 Euro".

Wenn sich die bunt gemischte Gruppe um 18.15 Uhr auf der Shoppingmeile zusammenfindet, dann gibt es kaum jemanden, der nicht zumindest mal hinüberschaut. Und jedes Mal finden sich auch ein paar Leute zusammen, die stehenbleiben und den Wortbeiträgen lauschen – oder sogar mitdiskutieren. Denn Sprechen darf hier jeder. An diesem Montag schnappen sich fünf Leute das Mikrofon und machen ihrem Ärger Luft. Am meisten Aufmerksamkeit bekommt eine ältere Frau, die mit geradem Rücken vor das Mikro tritt. Ihre ersten Worte: "Wenn ich jetzt rede, bekomme ich dann auch 25.000 Euro?" Das sorgt für Lacher in der Runde.

Viele der rund 20 Leute, die hier montags zusammenkommen, kennen sich seit Jahren. Einige haben hier Freunde oder sogar einen neuen Partner gefunden. Längst nicht alle von ihnen sind oder waren einmal arbeitslos. Da ist zum Beispiel Brigitte. Die 64-jährige ehemalige Friseurin kommt, weil sie Frauenthemen wichtig findet. Oder Jan. Dem 38-jährigen Montageschlosser geht es vor allen Dingen um die Themen Leiharbeit und Lohndumping. Auch Christian Kölle hatte die meiste Zeit, bevor er in Rente gegangen ist, einen festen Job, zuletzt als Sozialpädagoge. Trotzdem meint er: "Nur, weil es einem selbst gut geht, darf man nicht weggucken."

Ihn und seine Mitstreiter eint die Wut über eine ungerechte Welt und der Wunsch, etwas dagegen zu tun. "Man fühlt sich lebendig, wenn man hier ist", sagt Kölle. Spätestens, wenn die Montagsdemo-Protest-Band "Pepperoni" (Motto: "Rot – scharf – international") Lieder spielt, wie "Nur wer den Kopf hebt, kann die Sterne sehen", wird es stimmungsvoll. Nach dem letzten Lied schnappt sich Wortführer Kölle noch ein Mal das Mikro. "Bis zum nächsten Mal", sagt er. Bei der 444. Montagsdemo.