07.07.08

Holocaust im Unterricht: "Das bleibt haften - wahrscheinlich ein Leben lang"

Das Schuljahr neigt sich dem Ende zu. Auch für die Klasse 10a der Gesamtschule Bergedorf ist das Anlass, Bilanz zu ziehen.

Von Jens Meyer-Odewald
Foto: Klaus Bodig
Schüler der Gesamtschule Bergedorf (v. l.): Jonas Kramer,Tina Neumann, Maik Reimers und Martin Voß mit Zeitzeugin Batsheva Dagan (84).

Besonders intensiv haften bleibt die Erinnerung an die "Projektwoche Holocaust". Nicht nur wegen der Benotung für das Zeugnis, sondern mehr wegen der Erfahrungen. "Das bleibt haften - wahrscheinlich ein Leben lang", meint Jonas Kramer (16).

In den Erfahrungsschatz des Schuljahrs fließen theoretische und praktische Erlebnisse ein, die auch an anderen Bildungseinrichtungen Schule machen können. Dazu zählten ein mehr als dreistündiger Besuch der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, ein Kinobesuch ("Schindlers Liste") und Gespräche mit Überlebenden aus Konzentrationslagern. Vermittelt wurden die Zeitzeugen vom deutsch-jüdischen Versöhnungswerk Yad Ruth. Die Organisation betreut und unterstützt Holocaust-Überlebende aus vielen Ländern und hegt enge Kontakte nach Israel.

Vor allem die 84 Jahre alte Israelin Batsheva Dagan aus Holon, selbst Autorin dreier Bücher zum Thema, werden die Jugendlichen markant in Erinnerung behalten. Ob sie im KZ Selbstmordgedanken hegte, wollte Maik Reimers (15) von der alten Dame wissen. Die Antwort: "Nein, ich wollte weiterleben. Irgendwie. Meine Hoffnung konnte niemand auslöschen." Andere fragten nach ihrem Verhältnis zu Deutschland. Beim ersten Besuch in den 60er-Jahren habe sie Tränen vergossen und Rachegedanken gehabt. Längst aber dominierten Gefühle der Versöhnung, ja Freundschaft.

"Es ist erfreulich, in welchem hohen Maß sich das Gros der Schüler engagiert hat", resümiert Klassenlehrer Michael Hannemann (54). "Sie waren mehrheitlich mit Herz, Seele und Verantwortungsbewusstsein bei der Sache." Auch zeitlich wurde weit mehr als das Muss an Stunden investiert. Gemeinsam mit seiner geschiedenen Ehefrau Gabriele Hannemann, Lehrerin aus Geesthacht, und 18 weiteren Mitstreitern kümmert sich der Pädagoge um die Arbeit von Yad Ruth. 1987 ins Leben gerufen, fungiert das Versöhnungswerk seit 1995 als eingetragener Verein. Im Spätherbst werden wieder fünf ehemalige KZ-Insassen aus Israel und dem Baltikum als Gäste nach Hamburg kommen. Mitfinanziert vom Fonds Erinnerung und Zukunft in Berlin. In diesem Schuljahr beteiligten sich neben der Gesamtschule Bergedorf die Fachhochschule Erziehung, die Wichernschule in Hamm sowie Schulen an der Möllner Landstraße und Geesthacht an dem Projekt.

Ein Ergebnis, so Hannemann: "Aufgrund ihrer Erfahrungen aus dem Projekt sind die Schüler eher gefeit vor rechtsradikalem Gedankengut." Unter zustimmendem Nicken der anderen sagt Martin Voß (16): "Früher waren mir Skins und andere rechte Sprücheklopfer am Bahnhof Bergedorf gleichgültig - heute spüre ich Verachtung."

Tina-Marie Neumann (16) und Jonas Kramer sehen die politische Umwelt nunmehr mit anderen Augen: "Das ganze Thema geht einem näher." Auch dank engagierter Lehrer wie Michael Hannemann, denen ein fundierter Unterricht mehr am Herzen liegt als die penible Einhaltung offizieller Unterrichtszeiten.

Nicht selten, so die Lehre des Pädagogen, sei die Holocaust-Diskussion von der Gesamtschule nach Hause geschwappt. "Mehr als 60 Jahre seit Kriegsende ist zwar eine lange Zeit, aber nur ein Katzensprung in der Geschichte", ergänzt Jonas. Er habe intensiv mit seinen Eltern gesprochen, im Internet nach Dokumenten geforscht, sich in Fachbücher vertieft. Auch Maik hat Gespräche gesucht - mit seinem Großvater, einst Mitglied der Hitler-Jugend. Anschließend erschien manches in einem anderen Licht.

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