Fahrbahn, Rad- und Fußwege werden zu einer Verkehrsfläche. Die einzigen Regeln: Tempo 30, rechts vor links - und Rücksicht nehmen.
Der Bezirk Mitte plant ein revolutionäres Verkehrskonzept nach niederländischem Vorbild. Anwohner, Bezirk und Politiker sind sich einig: Sie wollen die Lange Reihe zu einer Verkehrsfläche machen, die sich Autofahrer, Radler und Fußgänger gleichrangig teilen. "Die Planung läuft", sagt Bezirkssprecherin Sorina Weiland. Und: "Gemeinsam mit den Anwohnern wollen wir das Ziel Schritt für Schritt erreichen."
Das denken die Hamburger
Sieben Städte in Europa machen schon mit
"Shared Space" (gemeinsam genutzter Raum) heißt das Ziel, ein Projekt, das von dem niederländischen Verkehrsplaner Hans Mondermann (61) entwickelt wurde. Die Regeln sind einfach: Es gibt kaum welche. Ampeln, Zebrastreifen und Schilder werden abgeschafft, ebenso Rad- und Fußwege. Stattdessen regeln Auto-, Radfahrer und Fußgänger miteinander den Verkehr. Sie fahren langsam, halten Blickkontakt, verständigen sich per Handzeichen. Selbstverantwortung und Rücksicht mit Vorsicht, lautet Mondermanns Konzept.
"Unglaublich, aber wahr: Es funktioniert", sagt Jörg Lühmann, verkehrspolitischer Sprecher der GAL-Fraktion in der Bürgerschaft, und verweist auf Städte, die bereits das Shared-Space-Konzept umsetzen (s. Beistück). Dem Politiker fallen gleich mehrere Hamburger Problemstraßen ein, die sich dafür eignen: der Mühlenkamp in Winterhude, der Saseler Markt und auch die Osterstraße (Eimsbüttel). "In jedem Bezirk muss es ein Pilotprojekt geben", fordert Lühmann. In der Langen Reihe soll das neue Verkehrskonzept bis Mitte 2008 umgesetzt werden.
"Wenn die Anwohner es wollen, kann der Zeitplan so umgesetzt werden", sagt Sorina Weiland. Viele seien von der Idee begeistert, was sich bei einem Workshop zu dem Thema in der vergangenen Woche zeigte: Hans Mondermann erklärte den Anwohnern und Geschäftsleuten der Langen Reihe sein Konzept einer gemeinsamen Straßennutzung. "Am Ende des Abends haben sie gefragt, wann es endlich losgeht", sagt Weiland.
Auch Klaus-Peter Hesse, verkehrspolitischer Sprecher der CDU in der Bürgerschaft, befürwortet das Projekt in St. Georg. Er geht noch einen Schritt weiter und fordert die Planer der HafenCity auf, dort ein Shared-Space-Projekt umzusetzen. "Die Stadt kann nur gewinnen", sagt der Experte. "Die Lebensqualität verbessert sich, Straßenräume werden aufgewertet, der Verkehr wird neu strukturiert."
Das sei in Hamburg dringend nötig, ergänzt Carsten Wilms (36) vom ADAC. Er nennt ein Beispiel: "Wir haben einen Schilderwald, den viele Verkehrsteilnehmer gar nicht mehr wahrnehmen können." Derzeit gebe es in Hamburg rund 220 000 Verkehrszeichen - fast ein Viertel davon sei überflüssig. Zudem spare die Stadt allein mit dem Wegfall einer Ampel viel Geld ein - laut Hans Mondermann bis zu 15 000 Euro Betriebskosten jährlich.
Als Stellvertreter der Hamburger Radfahrer spricht sich auch Stefan Warda vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club für das Projekt aus: "Straßen sind für alle Verkehrsteilnehmer da. Shared Space setzt diesen Gedanken um." Das beginne schon bei der Planung, fügt Sorina Weiland hinzu: "Wir ordnen nichts an, sondern planen alles mit den Anwohnern."












