In einem Hinterhof hatten sich Autonome zunächst verschanzt, dann Reizgas versprüht. Anschließend waren sie durch einen zweiten Ausgang geflüchtet. Polizisten, die den Hof stürmten, liefen in die Gaswolke.
Die Szene glich einem Katz-und-Maus-Spiel. Randalierer hatten sich im Verlauf der Auseinandersetzungen nach der Anti-Asem-Gipfel-Demonstration im Schanzenviertel in einem Hinterhof verschanzt. Sie schlossen das hintere von zwei Toren zur Schanzenstraße, öffneten es immer wieder, um Flaschen und Steine - Wurfgeschosse in großer Zahl - auf die draußen auf den Zugriff lauernden Beamten zu werfen. Der Strahl des Wasserwerfers prallte am Tor ab. Als die Beamten den Hof stürmten, waren die Randalierer weg. Die Polizisten fanden sich in einer Wolke von CS-Gas wieder. Viele Beamte erlitten Augenreizungen.
Politiker streiten über den Polizeieinsatz
Nach Informationen des Abendblatts sagte Innensenator Udo Nagel (parteilos) gestern in der Senatorenvorbesprechung: "Wir sind in eine Falle gelaufen." Er äußerte sich auch besorgt über die "neue Qualität", die der Protest und die Gewalt gegen die Staatsmacht damit erreicht hätten. Ob die "Falle" eine spontane Idee der militanten Protestierer war oder ob sie die Beamten bewusst in den Hinterhof lockten, ist bislang unbekannt. Der beachtliche Vorrat an Wurfgeschossen lässt allerdings vermuten, dass ortskundige Randalierer den Hinterhalt geplant hatten. Zumal sie in dem Moment, in dem die Beamten den Hof schließlich stürmten, über alle Berge waren - durch einen zweiten Durchgang, den die Polizei nicht abgeriegelt hatte.
Eine Falle? Eine Panne? Die Polizei gab gestern in einem kurzen Demo-Resümee bekannt, dass 179 Beamte im Verlauf des Einsatzes verletzt worden seien. Bis auf wenige Ausnahmen erlitten alle Augenreizungen durch das Gas in jenem Hinterhof an der Schanzenstraße. Einem Polizisten wurde der Finger gebrochen, ein weiterer erlitt Prellungen. Die Beamten, die den Innenhof gestürmt hatten, waren hauptsächlich aus Schleswig-Holstein. Gerüchte, die Polizisten seien gar in von ihnen selbst versprühtes Reizgas gelaufen, zerstreute die Polizei. Sprecher Holger Vehren: "Die Beamten führten kein CS-Gas mit sich. Auch im Wasser, das vom Wasserwerfer in den Hinterhof gespritzt wurde, befand sich kein Reizstoff."
Aufseiten der Protestierer gab es zwei Verletzte. Beide zogen sich ihre Wunden am Abend zu, als die eigentliche Demonstration längst vorbei war. Dass die Kundgebung weitgehend friedlich geblieben war, schrieben sich am Ende beide Seiten - Demonstranten und Polizei - als eigenes Verdienst auf die Fahne. Die Demonstranten beanspruchten für sich, trotz "massiver Provokationen seitens der Polizei" ruhig geblieben zu sein. Seitens der Polizeiführung hieß es gestern, die "Null-Toleranz-Strategie" habe sich bewährt. Null Toleranz - so schien es nach dem Ende der vorzeitig am Rödingsmarkt aufgelösten Demo, sollte es auch für abwanderungswillige Teilnehmer geben. Zwar war es erklärter Wille der Polizei, die Demonstration schnell zu zerstreuen. Doch viele fanden gar keinen Weg aus der massiven Polizeiabsperrung. In Kleingruppen zogen sie schließlich davon. Und es entwickelte sich eine gefährliche Phase: Immer wieder schleppten Randalierer Gegenstände auf die Straßen, zündeten Müllcontainer an - um sich später vor der Roten Flora wieder zu sammeln.
Dort spielten die meist mit Kapuzenjacken bekleideten Asem-Gegner zunächst Fußball. Wie bei vorangegangenen Demos räumten sie ein Baugerüst auf die Straße. Das Gerüst steht direkt neben der Flora. Sie kippten Mülltonnen um, Essensreste landeten auf der Straße. Während Randalierer, auch zum Unmut einiger Flora-Aktivisten, begannen, vor dem Kulturzentrum Steine und Flaschen zu schmeißen, die Polizei mit Wasserwerfern und Knüppeln antwortete, zogen Kleingruppen durchs Viertel und suchten die Konfrontation mit der Polizei. Andreas Blechschmidt, Szenekenner und Anmelder der Demo, nennt dies "Schanzen-Spielchen". Die meisten der 34 Fest- und 86 in Gewahrsam Genommenen gehören, so die Polizei, zur Kategorie der "erlebnisorientierten Jugendlichen".
Auch gestern Abend versammelten sich rund 250 Personen vor der Roten Flora. Polizeibeamte waren vor Ort im Einsatz. Ob es Festnahmen gab, blieb zunächst unklar.












