Nazi-Opfer: Bürgermeister verlegt Gedenksteine für ermordete Familienmitglieder. Im mecklenburgischen Lübtheen droht bei der Gedenkfeier ein Aufmarsch von Rechtsextremisten. Das Städtchen ist eine Neonazi-Hochburg.

Eigentlich sollte es eine nachdenkliche Reise in die mecklenburgische Provinz auf den Spuren der eigenen Familie werden, doch der Besuch von Bürgermeister Ole von Beust (CDU) im Städtchen Lübtheen (Kreis Ludwigslust) hat unvermittelt politische Brisanz bekommen.

Am kommenden Freitag will von Beust in dem Ort zwischen Boizenburg und Ludwigslust vier "Stolpersteine" verlegen: Die kleinen Messingvierecke im Pflaster vor dem Haus Rudolf-Breitscheid-Straße 3 erinnern an drei Großonkel und eine Großtante des Bürgermeisters - Opfer der NS-Diktatur: Willy Wolff, geb. 1861, ermordet in Minsk; Franz Wolff, geb. 1865, ermordet in Theresienstadt; Gottfried Wolff, geb. 1870, Selbstmord am 18. Juli 1942; Meta Wolff, geb. 1875, ermordet 1943 in Theresienstadt.

Es sind die Geschwister von Beusts Großvater mütterlicherseits, Carl-Ludwig Wolff. Der jüdischen Familie Wolff gehörte ein kleines Kaufhaus in der heutigen Rudolf-Breitscheid-Straße, wo auch von Beusts Mutter Hanna aufwuchs. Carl-Ludwig Wolff wurde 1933 enteignet, überlebte aber im Gegensatz zu seinen Geschwistern die Nazizeit und führte das Geschäft nach 1945 weiter. Nach seinem Tod leitete von Beusts Großmutter Ella das Kaufhaus bis 1970. Dann wurde sie zur Aufgabe gezwungen, und ein HO-Laden entstand.

Die kleine Zeremonie zur Verlegung der "Stolpersteine" schlägt im Vorfeld hohe Wellen. Das stille Gedenken an die Opfer der Naziherrschaft könnte schnell in eine höchst aktuelle Demonstration umschlagen: Lübtheen ist eine Hochburg der Neonazis in Mecklenburg-Vorpommern. In dem Ort erzielte die NPD bei der Bundestagswahl 2005 insgesamt 8,8 Prozent der Stimmen - der Spitzenwert im Landkreis Ludwigslust. Im Wahlkreis 13 (Schwerin, Ludwigslust) kam die rechtsextreme Partei auf 3,3 Prozent. Damit nicht genug: Der Spitzenkandidat der NPD für die Landtagswahl am 17. September, Udo Pastörs, lebt in Lübtheen und hat dort einen Uhrenladen. Pastörs ist stellvertretender Landesvorsitzender, Schulungsreferent der Bundes-NPD und Beisitzer im Kreisvorstand.

Im "Lagebericht Rechtsextremismus" des "Mobilen Beratungsteams für demokratische Kultur Mecklenburg-Vorpommern" vom März heißt es: "In Orten wie z. B. Lübtheen haben sich Neonazis etabliert, die oft in kommuneähnlichen Lebensformen ihre Ideologie leben und in die Region tragen. Es fallen die engen, teilweise sogar familiären Verbindungen auf." Die Neonazis engagierten sich besonders in Elternräten und Sportvereinen.

Noch ist nicht klar, wie die rechtsextreme Szene auf die "Stolperstein"-Verlegung reagiert. Doch außer von Beust will noch ein zweiter Flagge gegen die Rechtsaußen zeigen: Ministerpräsident Harald Ringstorff hat seinen Besuch zur Gedenkfeier in Lübtheen angekündigt.pum