Harburg: Immer mehr rollende Bordelle auf den Bundesstraßen
Bei Tag wie bei Nacht zeigt Caro\* auf einem Parkplatz an der B 75 in Dibbersen ihr großes Herz. Es ist erdbeerrot, groß wie ein Kopfkissen und klebt auf einem alten, beigefarbenen Wohnmobil. Etwas darunter, in Rot, locken zwei Worte, die sich erst wenige Schritte vor der Tür lesen lassen: "Girls Girls".
Der Wohnwagen ist ein rollendes Bordell, Caro (25) ist eine Prostituierte - zusammen sind sie ein "Love-Mobil". Mehr als ein Dutzend dieser Puffs auf Rädern haben sich in nur wenigen Wochen im Landkreis Harburg angesiedelt. An den Bundesstraßen 3 und 75 stehen sie in Dibbersen, Trelde, Rade, Wenzendorf und Nenndorf - immer in Autobahnnähe, gerne auf Parkplätzen, manchmal in Seitenstraßen, gewöhnlich unauffällig.
Warum die Bordelle ausgerechnet in ihre Dörfer einfallen, darüber rätseln Bürgermeister und Einheimische noch. Ihre Vermutung: Die große Zahl an Love-Mobilen ist eine Folge der Lkw-Maut. Denn die Kunden, die den Sex am Straßenrand suchen, sind vornehmlich Trucker und Lkw-Fahrer, die von Autobahnen auf Bundesstraßen flüchten, um das Geld für die Maut zu sparen.
Statt an den Staat zu zahlen, bringen sie die gesparten Euros lieber gleich wieder in den Verkehr - für Sex in den Love-Mobilen. "Früher tauchte vereinzelt mal so ein rollendes Bordell auf. Seit es die Maut gibt, finden wir ständig neue Standorte. Wir sehen da einen Zusammenhang", sagt Heinrich Helms, Sprecher der Stadt Buchholz.
Die einschlägigen Sex-Parkplätze sind auch den Beamten der Polizeiinspektion in Harburg bekannt. "Probleme gab es bislang nicht. Die Prostituierten und ihre Kunden sind polizeilich unauffällig", sagt Sprecher Michael Düker. So lange die Wagen nicht in Verbotszonen hielten, sei dagegen nichts einzuwenden. "Diese Dienste sind nicht gewerblich anmeldepflichtig." Das sei also nur eine Sache des Verkehrsrechts.
Die meisten Love-Mobile gehören einem Zuhälter, der in der Gegend kleinere Bordelle betreibt. Sein Geschäftsmodell: Die Prostituierten mieten den Wohnwagen für rund 100 Euro am Tag. Einige müssen auch einen Gutteil ihrer Einnahmen abdrücken. Sie fahren mit dem eigenen Auto zu ihrer mobilen Arbeitsstätte und bieten dort von Mittag bis Mitternacht ihre Dienstleistungen an. Übernachtet wird im Wohnmobil nicht - die Prostituierten fahren nach der Arbeit nach Hause. Damit den rot beleuchteten Scheibenwischern, Heizung und Radio nicht der Saft ausgeht, kommt alle paar Tage jemand vorbei und wechselt die Autobatterie.
An potentiellen Kunden für ihre Dienste mangelt es den Subunternehmerinnen jedenfalls nicht. Rund 30 000 Autos und Lkw fahren täglich auf der B 75 durch die Dörfer - einige Dutzend von ihnen nehmen die Dienste von Caro und ihren Kolleginnen in Anspruch. Heinz Wentzien (45) ist Wirt eines Gasthofs in Trelde, nur wenige Meter von der Bundesstraße entfernt. "Der Lkw-Verkehr hat seit der Maut um ein Drittel zugenommen", sagt Wentzien. Das Verkehrsaufkommen steigt entsprechend auch an den Rändern der Straßen. Doch sind es nicht nur die Fernfahrer, die den Sex gegen Geld suchen. Auch viele Einheimische seien unter den Kunden, erzählen die Prostituierten. "Die Nachfrage ist wohl da, sonst gäbe es diese Dienste nicht", sagt der Wirt. Einige seiner Gäste hätten ihm erzählt, daß sie mal versuchten, "mit den Damen in den Wohnmobilen zu reden". Herausbekommen haben sie aber nichts, sagt Wentzien.
Vielleicht haben sie einfach die falschen Worte gefunden. Die Kunden der mobilen Liebesdienste jedenfalls schleichen sich an, klopfen an die Tür und fragen: "Wie teuer bist du?" und "Wie heißt du?". Die schnelle Befriedigung mit der Hand gibt es bei einigen Prostituierten ab 30 Euro. Caro empfiehlt etwas anderes: Für 150 Euro gibt es eine Stunde Doppelfranzösisch und Verkehr, alles mit Schutz. Meistens ist nach dem französischen Part schon Schluß. "Die meisten Männer bringen nichts", sagt Caro.
Das liegt vielleicht auch daran, daß der mobile Puff nun wahrlich keine Oase der Romantik ist: Das Bett ist 1,60 Meter lang wie breit, und wenn sich Caro darin bewegt, wippt das stoßgedämpfte Wohnmobil auf der Stelle. In der Ecke liegt blaues Klopapier. Auf dem Tisch: Kondome, Deo mit Apfelgeschmack, ein Aschenbecher mit Kippen und eine Packung Kaugummis, Grapefruit-Geschmack. Pausenlos kämpft ein Elektro-Ofen gegen die Winterkälte an und macht die Luft warm, trocken - und stickig.
"An guten Tagen kommen bis zu acht Gäste", sagt Caro. An schlechten geht sie leer aus. "Mein bester Kunde zahlte 500 Euro, der hatte so eine dicke Brieftasche, der ist wohl Millionär." Caro trägt ein schwarzes, bauchfreies Oberteil, dazu mal Hose, mal Rock. In den kalten Wintermonaten laufe das Geschäft nicht so gut. "Im Sommer, wenn es warm ist, da sind die Kerle einfach juckiger." Im Monat kämen im Schnitt 5000 Euro zusammen. Viel Geld für die gelernte Tischlerin, die ihren Beruf aufgeben mußte, weil sie auf einige Lacke allergisch reagierte - und dann auf dem Straßenstrich landete, sagt Caro, weil sie ein Freund dazu gebracht habe.
Ein paar Kilometer weiter, auf der B 3 bei Trede, steht das Love-Mobil von Anna\*. Anna hat sich blauen Lidschatten um ihre Augen gemalt, ihre Haare sind braun und reichen bis zur Schulter. Sie kommt aus Polen, ist 24 Jahre alt, und wenn sie am Steuer auf Kundschaft wartet, trägt sie oben einen dicken Wollpulli und unten einen weißen Slip. "Manchmal kommen auch Einheimische, sehr junge Männer", sagt die Prostituierte. "Dann laß ich mir den Ausweis zeigen, die müssen 18 sein bei mir."
Die Bürger in den Dörfern tuscheln auf der Straße, beim Bäcker, im Gasthaus, doch so richtig über die Love-Mobile aufregen will sich bislang niemand. Sie sind unauffällig, machen keinen Ärger und stehen am Stadtrand, wo keine Kinder sind. Dennoch möchten die Bürgermeister - zum Beispiel in Buchholz - prüfen, ob die Prostituierten ihrem Gewerbe nachgehen dürfen. Noch gibt es keine Sperrbezirke; sollte es sie künftig geben, werden die Love-Mobile ihre Standorte wechseln müssen - für ein Bordell auf Rädern wohl eine Sache von Minuten.
\* Namen geändert











