Rekord: Rund 160 Unfälle ereignen sich pro Jahr in den vier Röhren - so viele wie in keinem anderen deutschen Straßentunnel.

7.15 Uhr in der Oströhre Richtung Norden: Nur durch eine Vollbremsung vermeidet Trucker Leonid F., mit seinem 30-Tonner auf das Ende eines Staus zu krachen, der sich gerade auflöst - offenbar hat der 40-Jährige nicht aufgepasst. Drei weitere Lastwagen schieben sich von hinten auf, drei Stunden dauern die Aufräumarbeiten im Berufsverkehr. Das Chaos ist perfekt, Tausende Autofahrer stehen bis zurück nach Maschen. 20 Kilometer Stillstand - der bislang letzte, folgenschwere Unfall am Dienstag im Elbtunnel.

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Hamburger Abendblatt

Die vier Röhren der A 7 - etwa 160-mal kracht es pro Jahr unter der Elbe: Öfter als auf anderen Autobahnstrecken, so oft wie in keinem anderen deutschen Straßentunnel. Die Ursache vieler derartiger Unfälle, so Experten, ist eine Art Elbtunnelsyndrom. Autofahrer stehen unter der Elbe besonders unter Stress - und sie entwickeln ein Tunnelsyndrom.

Unfallschwerpunkt Elbtunnel: 2001 gab es 167 Verkehrsunfälle, ein Jahr später 161 Zusammenstöße, 150 im Jahr 2003. Die 2,9 Kilometer der A 7 liegen damit erheblich über dem Bundesdurchschnitt, der bei einer normalen Strecke dieser Länge pro Jahr bei nur etwa 24 Unfällen liegt. Und: Auf den etwa 100 Autobahnkilometern vom Elbtunnel Richtung Norden bis Rendsburg gibt es durchschnittlich jährlich nur ungefähr 120 Unfälle.

Selbst im Vergleich mit anderen deutschen Autobahn-Tunneln schneiden die vier Elbröhren schlecht ab. So gab es 2003 laut ADAC etwa im thüringischen Rennsteig-Tunnel (mit 7,9 Kilometern die "längste Röhre" Deutschlands) in den ersten sechs Monaten nach Eröffnung nur einen Unfall. Lediglich viermal kam es im zwei Kilometer langen Wattkopf-Tunnel (Baden-Württemberg) zu einer Kollision, überhaupt nicht im Autobahntunnel Berg Bock (2,7 Kilometer, Thüringen).

Gibt es so etwas wie eine Urangst, in den Tunnel unter der Elbe einzufahren?

Viele Menschen empfinden das Einfahren in den Elbtunnel als unangenehme Situation, als Hineinfahren "in etwas Dunkles. Dazu kommen Ängste durch die starke Einengung und das Fehlen von Fluchtmöglichkeiten außerhalb der Fahrbahn", erklärt Dr. Bettina Höltje von der Arbeitsgemeinschaft für Verkehrs- und Umweltsicherheit in Hamburg: Der besondere Stress beim Einfahren in den Tunnel liege auch an den veränderten Lichtverhältnissen. "Die Augen müssen sich erst an das plötzliche Dunkel gewöhnen", sagt die Verkehrspsychologin. Autofahrer beginnen etwa mühsam nach dem Lichtschalter zu suchen oder tippen hastig auf das Autoradio, wenn der Sender auch nur kurz schwächer wird.

Haben viele Autofahrer Platzangst?

Mit durchschnittlich 110 000 Fahrzeugen, 15 Prozent davon Lkw, sind die vier Röhren erheblich stärker befahren als andere deutsche Straßentunnel - allein das sorgt schon für Stress bei Autofahrern und führt zu brenzligen Situationen. Dieser Stress löse, so die Verkehrspsychologin, das Bedürfnis aus, schnell aus dem Tunnel herauszukommen, und führe sehr oft zu überhöhter Geschwindigkeit - was auch der ADAC beobachtet.

Sprecher Matthias Schmitting: "Nur die allerwenigsten Autofahrer halten sich an die vorgegebene Höchstgeschwindigkeit. Viele fahren mehr als 20 Stundenkilometer zu schnell."

Fürchten manche Menschen, dass die Tunneldecke über ihnen zusammenbricht?

Ja, auch wenn das eine extreme Form der Platzangst ist.

Was ist das Tunnelsyndrom?

Vielleicht die Hauptunfallursache. Verkehrpsychologin Bettina Höltje: "Auf Grund der extremen Gleichförmigkeit von links und rechts entsteht eine starke Einengung des Blickfeldes. Damit steigt das Unfallrisiko stark an." Ein Effekt, den viele im Elbtunnel erleben: Der Blick geht nach vorn, hin zum "rettenden Ende" des Tunnels - und weg vom Vordermann. Deshalb kommt es auf der A 7 besonders häufig zu Auffahrunfällen unter der Elbe.

Die Polizei betont jedoch, dass die meisten Kollisionen glimpflich verlaufen. Es habe beispielsweise in den vergangenen Jahren kaum Verletzte und keine Verkehrstoten bei Unfällen im Elbtunnel gegeben. Auch sind keine speziellen Unfallschwerpunkte in den Röhren zu erkennen.

Aber Polizeisprecherin Ulrike Sweden sagt auch: "Offenbar sind einige Autofahrer abgelenkt, weil sie sich im Elbtunnel unwohl fühlen. Dadurch kommt es zu Fahrfehlern". (ser/bem/cd)