Bei Pennergame.de arbeiten sich Spieler vom Bettler zum Schlossbesitzer hoch. Täglich melden sich 10 000 an.

Wer hat es erfunden? Marius Follert (19, l.) und Niels Wildung (19) haben Pennergame entwickelt und sind nicht nur virtuell erfolgreich.
Foto: Ingo Röhrbein
Zehntausende, vom Arzt bis zum Zimmermann, wollen plötzlich Penner werden. Nur virtuell natürlich. Um sich hochzuklicken vom Obdachlosen zum Schlossbesitzer, bei Deutschlands derzeit erfolgreichstem Internet-Spiel: Pennergame.de, erst seit knapp drei Monaten online, verzeichnet täglich eine Million Besucher, monatlich eine Milliarde Klicks. Das Ziel: die eigene Figur, den sogenannten Avatar, über "organisiertes Betteln" von Level zu Level, von der Parkbank in den Palast zu managen.
Den uralten Mythos, dass es jeder vom Tellerwäscher zum Millionär schaffen kann, haben zwei junge Hamburger in die schöne neue Computerwelt übersetzt. Auf der Reeperbahn nachts um halb eins kam Marius Follert (19) und Niels Wildung (19) im Sommer 2007 die Idee: "Auf dem Kiez geht die Schere zwischen Arm und Reich sichtbar auseinander", sagt Marius Follert. "Als wir irgendwann dem fünften Pfandsammler begegneten, haben wir uns überlegt: Warum nicht mal ein Spiel entwerfen, dass an unserem Leben ein bisschen näher dran ist als das Weltall oder irgendeine Mittelalter-Kulisse."
Wochenlang tüftelten die beiden Freunde an ihrem Spiel. "Am Computer spielen wir zwar schon seit unserem zwölften Lebensjahr, aber die gesamte Technik mussten wir uns erst einmal beibringen", sagt Niels Wildung. Da blieb wenig Zeit für die Schule. Niels ging nach der zwölften Klasse vom Gymnasium Wentorf ab, Marius unterbrach im Oktober 2007 seine Ausbildung zum Screendesigner. "Aber nur, weil sich der Erfolg des Spiels schon langsam abzeichnete. Und weil einer meiner Lehrer meinte, eine bessere Referenz für mein Können gebe es kaum."
Mittlerweile sitzen die beiden Jungunternehmer mit ihrer Firma Farpflut Entertainment im Souterrain einer weißen Stadtvilla in Rotherbaum, beschäftigen vier Mitarbeiter. Und, sind Follert und Wildung, die beide am 19. November 20 Jahre alt werden, im echten Leben schon Schlossbesitzer? "Nein, lange noch nicht", sagt Marius Follert. Das Spiel finanziere sich hauptsächlich aus Werbeeinnahmen, ein Teil des Erlöses soll am Jahresende einem sozialen Zweck, womöglich einer Stiftung für Obdachlose, gespendet werden. "Wir wollen junge Menschen auf Obdachlosigkeit und Armut aufmerksam machen", sagt Follert. "Auf keinen Fall soll das Spiel diskriminierend wirken."
Einige wenige Kritiker hätten genau das angemerkt, erzählen die beiden Freunde. "Natürlich ist es nicht politisch korrekt, aber wir spielen mit den Klischees." So dürfen sich die virtuellen Penner mit gelegentlichen Überfällen auf Currywurst-Buden und dem Knacken von Kaugummiautomaten ein bisschen Spielgeld dazuverdienen. Außerdem halten die Online-Obdachlosen ihren Alkoholspiegel hoch. Mehr als 28 Millionen Flaschen Bier wurden bisher schon geleert.
Während auch in Österreich und der Schweiz schon Hunderttausende Internet-Spieler auf der virtuellen Straße leben, wollen Marius Follert und Niels Wildung jetzt auch in Großbritannien, Frankreich und Polen erfolgreich werden. "Die deutsche Version spielt in Hamburg, man startet am Hauptbahnhof, und das Schloss steht natürlich in Blankenese - das alles gilt es jetzt auf die anderen Städte zu übertragen." In London wird das Leben für Penner besonders schwierig: "Da fällt eine sichere Einnahmequelle weg", sagt Marius Follert. "Es gibt dort leider keine Pfandflaschen."












