Im Schulprogramm ist der Respekt vor den Sitten anderer festgelegt. Niemand soll ausgegrenzt werden.

Irgendwie ist an dieser Schule alles ein bisschen anders. Die Klassenräume sind nach Ländern benannt, heißen Schweden, Spanien und Türkei. In der Kantine stehen internationale Gerichte wie Texas-Hacksteak, italienische Lasagne und Germknödel aus Österreich auf dem Speiseplan. Und die Schüler - die sind hier irgendwie auch ein bisschen anders: Sie kommen aus allen Ländern dieser Erde, sie sprechen andere Sprachen, haben andere Sitten, andere Religionen.

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Hier, das ist in der Europaschule Hamm. Einer Schule, in dem das Anderssein so normal ist, dass es schon gar nicht mehr auffällt. Einem Gymnasium, in dem 50 Prozent der Schüler keine Empfehlung fürs Gymnasium haben.

Die 730 Kinder und Jugendlichen aus 62 Ländern werden hier unterrichtet. Sie sind Armenier und Amerikaner, Kroaten und Kapverdier, Ghanaer und Griechen - und wissen selbst manchmal gar nicht, welche Nationalität sie haben, wenn man sie danach fragt. Weil sie in anderen Ländern geboren wurden, als sie jetzt aufwachsen, ihre Eltern andere Nationalitäten haben als sie selbst. Und weil es egal ist. Weil es egal ist, welche Hautfarbe man hat, ob jemand ein Kopftuch trägt oder eine Markenjeans. "Weil die inneren Werte zählen", sagt Dzeneta (12) aus der Klasse 6c. Sie ist Bosnierin, ihre beste Freundin Serbin.

Die beiden Mädchen wissen, dass die Heimatländer ihrer Eltern Krieg gegeneinander geführt haben. Sie wissen, dass viele ihrer Landsleute auch heute noch verfeindet sind. All das wissen sie, doch für sie - für ihre Freundschaft - hat das keine Bedeutung. "Ich habe gar nicht daran gedacht, Sabina zu fragen, aus welchem Land sie kommt", sagt Dzeneta. Weil es egal ist. Weil andere Dinge wichtiger sind. Ihnen ist wichtiger, dass sie Vertrauen zueinander haben, sich alles erzählen können, sich gut verstehen - egal, in welcher Sprache sie miteinander sprechen. Nachmittags unterhalten sie sich manchmal auf Serbisch, in der Schule immer auf Deutsch. Es ist eine Art Abkommen, das es in der Schule gibt. Das Abkommen, dass alle Deutsch miteinander sprechen. Damit niemand ausgeschlossen wird. Damit niemand das Gefühl hat, über ihn wird in einer fremden Sprache gesprochen. Gelästert.

rotzdem wird hier niemand assimiliert. Niemand wird eingedeutscht. Im Gegenteil: Die Schule setzt auf Heterogenität, zelebriert das Anderssein. Ein Beispiel: "Zu Beginn der Schulzeit stellt sich jeder Schüler in seiner Landessprache vor. Die anderen in der Klasse müssen raten, um welche Sprache es sich handelt", sagt Ruth Schütte (34). Sie ist die Klassenlehrerin der 6c und achtet darauf, dass das Anderssein trotz aller Normalität bewahrt wird. Und dass die Normalität trotz aller Andersartigkeit bewahrt wird. In der Schule wird darauf geachtet, dass die eigene Sprache und Kultur gepflegt werden - und die Schüler Respekt vor anderen Sitten haben. Das ist sogar im Schulprogramm schriftlich festgelegt. Doch es sind mehr als auferlegte Zwänge, es ist Alltag. Ein Beispiel aus der 6c: Als die Kinder ihre Religionsbücher bekommen, bittet ein islamischer Junge seine Mitschüler darum, vorsichtig mit dem Buch umzugehen. Er bittet darum, das Buch nicht auf den Boden zu werfen und zu beschmutzen - weil sonst auch der Name Allahs, der in dem Buch steht, beschmutzt wird. Und auch wenn den anderen Klassenkameraden das fremd vorkommt - sie kommen seiner Bitte nach.

Es ist eines von den vielen Dingen, die in der Europaschule ein bisschen anders sind als in anderen Schulen. So wie das Europazertifikat, das die Schüler parallel zum Abitur erwerben können. Bedingung ist, dass sie Kurse mit besonderer europäischer Ausrichtung belegen. Sie müssen zum Beispiel drei Fremdsprachen lernen, ein Praktikum im Ausland absolvieren und ein Schülerprojekt in der jährlichen Europawoche planen und durchführen.

Das oberste Ziel der Schule: Die Jugendlichen sollen verschiedene Kulturen und Traditionen kennenlernen, akzeptieren und wertschätzen. Dazu gehört es auch, zu respektieren, dass es je nach Glaubensrichtung unterschiedliche Verhaltensregeln für den Umgang mit dem anderen Geschlecht gibt. Dazu gehört, zu respektieren, dass ein muslimischer Schüler aus religiösen Gründen kein Mädchen anfassen darf. Nicht im Sportunterricht, nicht einmal für ein Klassenfoto. Dazu gehört aber auch, zu respektieren, dass eine Muslimin trotz ihrer Glaubensgrundsätze einen Mitschüler berührt. Der Sache wegen, der Gemeinschaft wegen.

Eine Gemeinschaft, in der jeder auf seine Art etwas Besonderes ist. In der es normal ist, anders zu sein.

Das wünschen sich hier zumindest alle. Es ist der alte Traum von Multikulti. Doch hier wird er nicht geträumt, sondern gelebt. Hier, in Hamm-Mitte. Dem Stadtteil mit 24,9 Prozent Ausländern - fast zehn Prozent mehr als im Hamburger Durchschnitt. Dem Stadtteil mit mehr Hartz-IV-Empfängern und Arbeitslosen als im Hamburger Durchschnitt.

Warum es trotzdem klappt? Vielleicht gerade deswegen. Wegen der Unterschiedlichkeit der Menschen und der Lebenssituationen. "Hier wächst man ja schon so auf.

Es gibt ja überall Ausländer und Migranten: im Kindergarten, in der Schule, in den Wohnquartieren. Da fällt es gar nicht auf, wenn jemand kein Deutscher ist", sagt Luisa, 19 Jahre alt. Sie selbst ist Deutsche.

Etwas mehr als die Hälfte der 740 Schüler sind deutsche Staatsbürger, viele von ihnen haben jedoch Migrationshintergrund und ausländische Eltern oder Großeltern. Rein rechnerisch sind die Deutschen damit zwar in der Mehrzahl. Vom Gefühl her aber nicht. Weil sich viele von ihnen nicht über die Nationalität definieren. Weil die Nationalität nicht sofort thematisiert wird.

Es geht nicht darum, ob jemand aus Deutschland kommt oder aus Afghanistan. Es geht darum, welche Hobbys man hat, welche Musik man hört, mit wem man Spaß haben kann. Oder mit wem man Fußball spielen kann. Vor ein paar Wochen waren zwei Mannschaften der Schule anlässlich der Fußball-Europameisterschaft zu einer Mini-EM in der Schweiz. Als deutsches Team sind sie dort angetreten - auch wenn nur ein Junge im Team Deutscher war. "Es ist egal, welche Nationalität wir haben - wir gehören zu demselben Europa", sagt Ruth Schütte von der Europaschule in Hamburg-Hamm. Obwohl die Schule anders heißen müsste. Internationale Schule zum Beispiel. Oder Weltschule. Weil hier die ganze Welt in einer Schule vereint ist.