Der Wähler denkt selbst – Die Serie im Abendblatt

Dass ein Zahnarzt direkte Beziehungen zu Brücken hat, liegt auf der Hand. Im Fall Nicolas Meyer-Stolten trifft dies in doppeltem Maße zu: Unmittelbar vor seiner Praxis an der Isestraße zieht die U 3 ihre Bahn. Überirdisch. Zwischen den eisernen Brückenpfeilern bieten Höker aller Fakultäten ihr Warensortiment feil.

In den letzten Tagen war auch die SPD auf dem Isemarkt präsent. "Einmal unter stürmischen Verhältnissen", erinnert sich Meyer-Stolten (41), "praktisch vom Winde verweht." Beim zweiten Versuch konnte die Praxisbelegschaft verblüfft beobachten, wie ein Wahlkampfstand errichtet - und ruckzuck wieder abgebaut wurde. Grund: Kaum hatte Spitzenkandidat Michael Naumann ein paar Küsschen und Blümchen unters (Partei)Volk gebracht, wurden auch die Fernsehkameras abgeschaltet. Flugs machten die Sozis Fofftein.

Wohl dem, der Überblick hat.

Der Zahnarzt schildert seine kleinen Studien mit einem Augenzwinkern, wohl wissend, dass auch andere Parteien im Endspurt nicht frei von windigen Tricks sind. Schlimmer, so Nicolas Meyer-Stolten, sei das "dilettantische Wirken von Amateuren" auf Feldern wie der Gesundheitsreform. Die Bürokratie habe "grausam lähmende Ausmaße" angenommen. Motto: Eine Behandlung = 5 Zettel + 3 Unterschriften. Unterm Strich sei ein miserabler Kompromiss durchgepeitscht worden.

"Problematisch wird es dann", fährt der Mediziner beim Ablegen seines weißen Kittels fort, wenn Mittelmaß auf andere politische und gesellschaftliche Ebenen übertragbar sei. "Genau das ist meine Befürchtung!" Leistung und mehr Einsatz würden nicht anerkannt - und honoriert schon gar nicht. Wie aber solle es dauerhaft vorwärts gehen, wenn Mittelmaß Trumpf sei?

"So wie in der Bildungspolitik", meint Meyer-Stolten. Seitdem Ehefrau Bianka (35) vor zwei Jahren Moritz zur Welt brachte, ist dieses Thema näher als zuvor. Einheitsschule? "Wird als soziale Gerechtigkeit verkauft, ist aber in der Praxis nichts anderes als Gleichmacherei."

Meyer-Stolten schließt die Tür. 1956, mithin vor mehr als einem halben Jahrhundert, hat sein Vater, Hans-Hermann Meyer-Stolten, die nicht nur in Eppendorf und Hoheluft angesehene Praxis gegründet. Mit wenig Eigenkapital, aber großer Hoffnung. 1996 übernahm Sohn Nicolas. "Die goldenen Jahre unseres Berufsstandes waren da längst vorbei", sagt dieser. Freudvolles, leistungsorientiertes Arbeiten? Bei allem Spaß am Job: Der Zahn war rasch gezogen. "Wir stellen keine Honorare mehr, wir sind Leistungserbringer."

Heute beschäftigt Nicolas Meyer-Stolten drei Mitarbeiterinnen. Eine ist praktisch ganztags damit beschäftigt, die Bürokratie zu erledigen. Gerne würde er eine Halbtagskraft engagieren. Geht nicht, solange die staatliche Budgetierung den Arbeitseinsatz (und Verdienst) reglementiert.

Draußen auf der Isestraße. Der Blick auf die modernisierte U-Bahn-Brücke drängt das Stichwort U 4 auf. "Warum wird sie für ein Vermögen unter der Innenstadt in die HafenCity geführt?", fragt der leidenschaftliche Vespa-Fahrer beim Wechseln der Straßenseite. "Hier kann jeder sehen, wie gewinnend eine überirdische Linienführung sein kann." Für Fahrgäste wie Fußgänger - und für das Straßenbild. Und: Warum kann die Verbindung nicht mit Bussen geschafft werden? Dann wäre der Weg frei für sinnvollere Projekte. Zum Beispiel im Kindergartenbereich.

Draußen auf der Hohenluftchaussee tobt der Verkehr. Eine riesige Baustelle sorgt für Staus. "Hamburg boomt", befindet der Zahnarzt, nun mit Jeans zivil gekleidet. Bei allem Frust über die Gesundheitsreform dominiere grundsätzliche Zufriedenheit mit den politischen Verhältnissen in Hamburg. "Ole von Beust genießt mein Vertrauen", befindet Meyer-Stolten. "Er ist staatsmännisch und ehrlich, passt mit seinem hanseatischen Habitus zu Hamburg." Zwar könne man über die Dimension des geplanten Kohlekraftwerks, eine Architektur zumeist aus Stahl und Beton oder auch über Ansätze einer autofreien Innenstadt trefflich streiten, insgesamt jedoch sei Hamburg auf gutem Weg und in soliden Händen. Die Stadt sei nicht Wuppertal, sie dürfe nicht kleinkariert und defensiv regiert werden, sie müsse oben in der Liga der Weltstädte spielen.

Michael Naumann wirke keinesfalls unsympathisch, habe sich zudem fair über von Beust geäußert, sei im Fernsehduell von Abendblatt und Hamburg 1 jedoch abgefallen.

Im Gegensatz zum Amtsinhaber. "Ich halte von Beust für ehrlich", diagnostiziert der Arzt. "Er fällt Entscheidungen nach Vernunft, ohne sich immer nach der Mehrheit zu richten."

Eigentlich sei die FDP seine Partei, stellt Meyer-Stolten beim finalen Cappuccino im Caffe Due an der Bismarckstraße klar. "Sie vertritt die Interessen der sogenannten freien Berufe am besten." Da FDP-Spitzenkandidat Fock jedoch destruktiv wirke und ihn als Typ nicht anspreche, ist am Sonntag folgende persönliche Wahlentscheidung denkbar: Rathaus-Stimme für Ole von Beust (nicht unbedingt für die CDU . . .), Bezirksstimmen für die FDP. Für Nicolas Meyer-Stolten wäre dies eine völlig neue Art, Brücken zu bauen.