Täter beschimpfte seine Opfer, die Migrationshintergrund haben, mit ausländerfeindlichen Parolen. Polizei nahm ihn fest.
Das geschwollene Jochbein hat Anna S. mit Make-up überschminkt. Ihr dunkles Haar verdeckt nur notdürftig die Verletzung. Und die schmerzende Platzwunde auf dem Kopf lässt sie nicht schlafen. Ebenso wie die Angst vor Jürgen W. (51). Der prügelte auf die 19-jährige Hummelsbüttelerin am Montagnachmittag in der U 1 ein und beschimpfte sie und ihre Freundin Piu A. (20) mit ausländerfeindlichen Parolen.
Sich selbst nicht in Gefahr bringen
Die beiden Mädchen waren auf dem Weg nach Hause gewesen. "Wir kamen von meiner Oma, hatten vorher für sie eingekauft", erzählt Piu. Am U-Bahnhof Hallerstraße stiegen sie ein. Jürgen W., ein polizeibekannter Schläger ohne festen Wohnsitz, hatte offenbar schon reichlich getrunken. "Er saß direkt hinter uns und pöbelte so laut im Waggon, dass Anna nicht telefonieren konnte." Auch andere Fahrgäste fühlten sich belästigt. Also sprach die 20-Jährige den Mann an, bat ihn, etwas leiser zu sein.
Seine brutale Reaktion kam überraschend. Jürgen W. stand auf und stellte sich drohend, mit einer Bierflasche in der Hand, vor die beiden jungen Frauen "Er brüllte ,Ihr schwarzhaarigen Köpfe, was wollt ihr hier in Deutschland? Geht zurück, von wo ihr gekommen seid'", erinnert sich Piu. Sie habe sofort gemerkt, dass er zuschlagen wollte, und rannte panisch an dem Mann vorbei bis zum Ende des Waggons.
Anna selbst hatte das während des Versuchs, ihren Bruder mit dem Handy zu erreichen, nicht mitbekommen. "Plötzlich schlug mir jemand mit voller Kraft ins Gesicht", so die 19-Jährige. Sie prallte mit ihrem Kopf gegen die Seitenscheibe. "Ich wusste gar nicht, was los war." Die etwa sechs weiteren Fahrgäste reagierten nicht. Niemand schritt ein. Von Courage keine Spur. Die beiden Freundinnen waren auf sich allein angewiesen.
An der Haltestelle Klosterstern stieg der angetrunkene Schläger aus, ging die Treppen zum Ausgang hoch. Immer noch kam niemand zu Hilfe. Doch Anna S. gab nicht klein bei, ging hinterher und versuchte, Jürgen W. zur Rede zu stellen. "Bleiben Sie stehen. Ich will die Polizei anrufen. Das lasse ich mir nicht gefallen." Seine verächtliche Reaktion: "Ich hau euch noch mal aufs Maul."
Während Piu aus der U-Bahn ihrer Freundin hinterherhetzte, rief sie die Polizei. Anna drehte sich zu ihr um, sah für einen kurzen Augenblick nicht, was Jürgen W. vorhatte. Der holte auf der Treppe aus und warf seine Bierflasche auf Anna. Er traf sie mit voller Wucht am Kopf. Benommen hielt die 19-Jährige ihre Hand auf die blutende Platzwunde. Endlich kam ein Mann, der auf dem Weg zur U-Bahn war, dem Opfer zu Hilfe. Er stützte Anna beim Gehen, rief ebenfalls die Polizei. Piu aber wollte nicht, dass der 51-jährige Täter entwischte, folgte ihm mit gehörigem Abstand an die Hochallee. Immer wieder bat sie Passanten, den Mann festzuhalten. "Doch die schauten mich an, als wäre ich bescheuert."
Jürgen W. versteckte sich in einem Vorgarten. Dann trafen Peterwagen ein. Die Handschellen klickten, Beamte führten ihn ab. "Selbst dann noch schrie er uns an, dass er uns noch erwischen werde", sagt Piu. Der anschließende Alkoholtest ergab einen Wert von 1,09 Promille. Im UKE versorgten Ärzte Annas Wunden. "Ich habe so eine große Angst, ihm wiederzubegegnen." Das wird sie vorerst nicht. Ein Richter erließ Untersuchungshaft gegen Jürgen W. Auch die fremdenfeindlichen Parolen des Schlägers haben Anna S. und Piu A. schwer geschockt. "Die sind schon schlimm genug. Aber wir sind Deutsche. Auch wenn unsere Eltern aus anderen Ländern kommen."












