Die Polizei nahm Wiliam F. Montagabend fest. Der 24-Jährige hatte sich in einem Hinterhof in Hamm versteckt. Jetzt sitzt er in Untersuchungshaft.

Niels H. (62) hat die Hände gefaltet. Zusammengesunken sitzt der angesehene Jurist auf dem weißen Sofa im Wohnzimmer seines Einfamilienhauses in Volksdorf. Sein Blick schweift zu einem Foto, das in einem silbernen Rahmen in der weißen Schrankwand steht. Das Foto ist von seiner Tochter Anna (29). Anna ist tot. Sie wurde ermordet, mit bloßen Händen erwürgt. Der Täter: ihr Freund, ein junger Brasilianer (24), den die Eltern nett und höflich fanden.

Niels H. steht auf, er holt das Foto und streichelt über das Bild. Er setzt sich wieder, dann beginnt er zu erzählen. "Unsere Anna war so ein lieber Mensch", sagt der Vater. Er weint. "Sie wurde oft ,Schwester Anna' genannt, weil sie immer allen geholfen hat."

Seine Frau hatte die Leiche der Tochter am Montag in ihrer Dachgeschosswohnung in Barmbek gefunden (wir berichteten). Die Mutter hatte sich Sorgen gemacht. Eine von Annas Kolleginnen bei der renommierten PR-Agentur Edelmann hatte sie angerufen, Anna war nicht zur Arbeit erschienen. Die Mutter öffnete die Wohnungstür mit einem Zweitschlüssel - und fand ihr Kind erwürgt im Badezimmer.

Der Verdacht fiel schnell auf den Freund der Tochter, der aus der gemeinsamen Wohnung verschwunden war. Die Polizei fahndete nach Wiliam F. Die Beamten hatten ein paar Anlaufadressen - Zivilfahnder fassten den Brasilianer am Montagabend in einem Innenhof in Hamm. Der 24-Jährige, der illegal in Deutschland lebte und sich mit Hilfe seiner Freundin und Gelegenheitsjobs über Wasser hielt, gestand die Tat. "Es war Eifersucht", heißt es von der Mordkommission zum Motiv.

Nur wenige Stunden vor der Tat war Anna noch bei ihren Eltern in Volksdorf zu Besuch. "Eine Tradition, unser Familienessen am Sonntag", sagt der Vater. Annas Freund war diesmal nicht dabei. "Unsere Tochter hat erzählt, dass sie Streit hatten", sagt Niels H. Wiliam, so berichtete sie, habe ihr in der Nacht zum Sonntag auf dem Kiez eine Szene gemacht, als sie einem Touristen den Weg zu einer Kneipe erklärte. Er sei rasend eifersüchtig gewesen, habe Anna am Arm gerissen und verlangt, dass sie sofort mit nach Hause kommt. "Wir haben unserer Tochter angeboten, in der Nacht bei uns zu bleiben", sagt der Vater. Aber sie habe nach Hause gewollt: "Anna war sehr tough."

Annas Eltern hatten ein gutes Verhältnis zu dem Brasilianer. "Wir haben ihn mit in unsere Familie aufgenommen", sagt der Vater. "Wir waren gemeinsam auf der Oststee segeln."

Anna hatte Wiliam im Urlaub auf den Kanarischen Inseln im vergangenen Herbst kennengelernt und sich sofort in ihn verliebt. Die Geschichte einer Liebe, wie aus einem romantischen Film. Auch Wiliam war verliebt, er vermisste die Hamburgerin schrecklich. Mehrmals flog er von Fuerteventura, wo er als Klimatechniker arbeitete, nach Deutschland, um seine Freundin ein paar Tage zu sehen

Im April fasste Wiliam dann einen Entschluss. Er gab seinen Job auf den Kanaren auf und zog nach Hamburg, um für immer bei Anna zu sein. Anna war überglücklich. Doch der Brasilianer lebte illegal hier, hatte keinen festen Job. Anna besorgte ihm Gelegenheitsarbeiten, schickte ihn in die Sprachschule. Von Wiliams Vorleben wissen die Eltern nur wenig. Ebenso wenig von seiner Familie, die in Brasilien lebt. Ein paar Mal hatte der junge Mann von Volksdorf aus mit seiner Mutter telefonieren wollen, daran erinnert Annas Vater sich. Doch er habe die Mutter wohl nicht erreicht.

Anna war sehr erfolgreich in ihren Beruf. Als Teamleiterin betreute sie bei der PR-Agentur unter anderem den Kunden "Dove". Eine Kosmetikfirma, die mit Werbekampagnen auffällt, die keine Magermodels, sondern gesunde Frauen ohne "Traumkörper" zeigen. "Anna hat ihren Beruf geliebt und sich fabelhaft mit ihren Kollegen verstanden", sagt der Vater. Viele Kollegen besuchten gestern die Eltern in Volksorf, um ihnen beizustehen.

Anna und ihr Freund - ein Pärchen, das rund um Kampnagel bekannt war. Offen und fröhlich sei der Brasilianer gewesen, erzählt eine Kellnerin im Casino Kampnagel, in dem beide oft zu Mittag aßen. Anna sei besonders höflich gewesen. Das Paar habe harmonisch gewirkt, so verliebt. Dass Wiliam sehr eifersüchtig war, war im Freundeskreis bekannt. "Aber wir haben darüber eher gelacht", sagt eine Bekannte. "Die Anlässe waren immer so nichtig." Man habe den Brasilianer nicht ernst genommen. "Und nun ist Anna tot."

Vor Annas Wohnungstür in Barmbek liegt eine Fußmatte mit einem Froschmotiv. "Prince guaranteed" - Prinz garantiert, steht auf der Matte. Anna hatte geglaubt, mit dem gut aussehenden Brasilianer endlich ihren Traumprinzen gefunden zu haben. Doch es war ausgerechnet der Mann ihrer Träume, der ihr das Leben nahm . . .