Serie: Werner "Mucki" Pinzner erschoss den Staatsanwalt, seine Frau und sich selbst

"Na, dann schießen Sie mal los!" Mit diesen Worten eröffnete Staatsanwalt Wolfgang Bistry am 29. Juli 1986 die Vernehmung des berüchtigten St.-Pauli-Killers Werner "Mucki" Pinzner im Polizeipräsidium am Berliner Tor. Pinzner nahm die Aufforderung des Staatsanwalts wörtlich. Er zog im Verhandlungszimmer einen Revolver und erschoß zuerst den Staatsanwalt, dann seine Frau Jutta und zuletzt sich selbst. Acht Auftragsmorde im Rotlichtmilieu hatte Pinzner auf dem Gewissen, fünfmal war er aus Hamburger Gefängnissen geflohen.

Das Blutbad im Polizeipräsidium ereignete sich im Hochsicherheitstrakt des Gebäudes. Eigentlich hätte es unmöglich sein sollen, eine Waffe in den Raum zu schmuggeln.

Als Pinzner, der Angst und Schrecken bei Prostituierten und Zuhältern verbreitet hatte, plötzlich das Wort "Geiselnahme" aussprach, stand Bistry auf. Ohne Warnung schoß "Mucki" zweimal auf den Staatsanwalt. Er traf ihn mitten ins Gesicht. Bistry sank vor Schmerzen stöhnend zusammen. Die Protokollführerin warf sich unter den Schreibtisch und überlebte so die wilde Schießerei. Jutta Pinzner, die vom Plan ihres Mannes gewußt hatte, kniete vor ihm nieder. Er schob ihr den Lauf der Waffe in den Mund und drückte ab. Dann richtete "Mucki" sich selbst. Das Ehepaar Pinzner war sofort tot. Wolfgang Bistry kam ins Krankenhaus. Er starb dort einen Tag später.

Wie der Revolver genau durch die Sicherheitskontrollen gelangte, wurde nie endgültig geklärt. Eine der schillerndsten Figuren in dem Drama um Mord, Sex und Drogen war damals die attraktive Rechtsanwältin des Lohn-Killers. Sie hatte, so ist immer noch der Ermittlungsstand, Jutta Pinzner in ihrer Kanzlei vorher die Waffe übergeben und ihr geholfen, den Revolver unter ihrem Rock ins Präsidium zu schmuggeln. Die Anwältin soll den Mörder in der U-Haft angeblich auch mit Drogen versorgt haben. Es tauchten zudem immer wieder Gerüchte auf, daß es zwischen Pinzner und den beiden Frauen ein mysteriöses Dreiecks-verhältnis gegeben habe.

In seinem Tagebuch, das er in der U-Haft führte, bezeichnete Pinzner die Anwältin als "geldgieriges Stück Dreck" und behauptete, sie habe gewußt, daß er auch einen Beamten töten wollte. Insider aus dem Milieu vermuteten später, "Mucki" habe sich mit den Aufzeichnungen an seiner Verteidigerin rächen wollen, weil sie eine sexuelle Beziehung zu ihm habe abkühlen lassen.

Einer der drei Kommissare, die damals in diesem Fall ermittelt hatten, äußerte sich Jahre später immer noch schwer schockiert über die Ereignisse im Präsidium. Hauptkommissar Rolf Bauer (heute 58), der damals Aktenführer der Soko 85/5 im Fall Pinzner war und vorher die Kontakte zur Unterwelt hergestellt hatte, die zur Verhaftung des Killers führten, sagte: "Ich habe jahrelange Erfahrungen bei der Mordkommission. Aber Pinzner war der Fall meines Lebens." Das Blutbad sei nicht zu verhindern gewesen. "Es ging alles so schnell." Im Kino habe vielleicht ein Held dazwischenspringen können. "Aber in der Realität geht so etwas nicht."

Die Morde im Polizeipräsidium hatten politische Konsequenzen. Der damalige Innensenator Rolf Lange und die damalige Justizsenatorin Eva Leithäuser mußten zurücktreten. Der Vorfall hatte schwere Sicherheitsmängel aufgedeckt. Nach dem Drama wurden am Eingang des Präsidiums Sicherheitsschleusen installiert. Die gibt es auch heute im Polizeipräsidium in Alsterdorf.

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Die Serie wird am Dienstag fortgesetzt - im Abendblatt und auf NDR 90,3: Dort wird der Schauspieler Wolfgang Völz um 8.20 Uhr sowie um 17.40 Uhr den Fall "Hell's Angels" schildern.