Altona: Ein Tante-Emma-Laden als sozialer Kristallisationspunkt. Vom Vater gegründet, von der Mutter weitergeführt, dann von Gerda Petta übernommen - und von ihren Stammkunden geschätzt.

Der erste Blick fällt auf die drei Meter hohen Holzregale. Sie reichen vom Boden bis zur Decke, randvoll gefüllt mit Konserven, Backmischungen und Schnaps, Waschpulver sowie Cremetöpfen. Der zweite Blick geht zu den Kunden, die zusammengedrängt in dem kleinen Verkaufsraum stehen und klönen.

Erst auf den dritten Blick sieht der eintretende Kunde Gerda Petta. Fast gänzlich verdeckt von dem alten Tresen, inmitten von Kisten, der alten Waage und Bergen von Tütensuppen steht die gerade einmal 1,45 Meter große, 82 Jahre alte Frau in ihrem weißen Kittel. Alles zusammen sieht aus wie das soziale Herzstück eines ganzes Viertels.

Seit 1918 gibt es das Geschäft an der Ecke Gerichtstraße/Haubachstraße in Altona-Nord. Vom Vater gegründet, von der Mutter weitergeführt, schließlich von Gerda Petta übernommen - und von Stammkunden besucht, die bei allen Besitzern gekauft haben und heute ihre Kinder und Enkel für kleine Besorgungen vorbeischicken.

Ein sogenannter Tante-Emma-Laden, der aber nicht nur die praktische Nahversorgung übernimmt, sondern ein Kommunikationsort für die ganze Nachbarschaft ist. Dafür will der Bezirk Altona Gerda Petta mit einer Ehrennadel auszeichnen - ein Preis, der speziell ihr zu Ehren ins Leben gerufen werden soll.

"Hier erfährt man Neuigkeiten aus dem Viertel, kann kleine und große Sorgen austauschen", sagt Hilde Bleichschmidt. Die 72jährige kommt seit 30 Jahren zu Gerda Petta und kauft zwei Brötchen. Jeden Morgen. Mit Gerda Petta redet sie über ihren Mann, der vor einiger Zeit verstorben ist. Und "über die anderen Leute hier". So wie über den einen Herrn, der mit dem kleinen Dackel und dem Kraushaar, der plötzlich nicht mehr vorbeigekommen ist. "'Ne Plastiktüte hat der sich über den Kopf gezogen, Selbstmord", sagt Gerda Petta. "Unschön, ganz unschön."

Auch Hilde Bleichschmidt war einmal "verschwunden". Zwei Tage kam sie nicht zum Brötchenholen. Da wollte Gerda Petta sie anrufen. Jetzt haben die Damen Telefonnummern ausgetauscht, für alle Fälle. Denn in dem Geschäft von Gerda Petta sorgt man sich noch um die Nachbarschaft. So wie damals in den Tante-Emma-Läden üblich, die es früher noch an fast jeder Ecke gab. Mit dem Aufkommen der Discounter wurden sie rigoros zurückgedrängt. Nur noch rund 100 dieser Läden gebe es in Hamburg, schätzt Ulf Kalkmann vom Einzelhandelsverband. Geschäfte, in denen der Inhaber noch hinter dem Tresen stehe, berate und die Ware auch mal persönlich vorbeibringe, wenn jemand nicht mehr tragen kann. "Das ist Service, verbunden mit Nächstenliebe", sagt Kalkmann. Vor rund 40 Jahren habe es noch 1500 bis 2500 der kleinen Läden gegeben. In gut zehn Jahren, so Kalkmann, dürfte sich der jetzige Bestand halbiert haben.

Wie sehr die Kunden das Bestehen von Gerda Pettas Laden schätzen, zeigt sich auch an dem Namen, den sie dem Geschäft geben. Im Viertel kennt ihn jeder unter "Tante-Gerda-Laden". "Sie ist einfach die Seele hier", sagt Hans-Jürgen von Borstel (51) über die Frau, die zwei Töchter, zwei Enkel und zwei Urenkel hat und in der Wohnung hinter dem Laden zur Welt gekommen ist - ebenso wie ihre Töchter, mit derselben Hebamme. Von Borstel lebt seit mehr als 35 Jahren in dem Viertel und seit zwölf Jahren direkt über dem Geschäft. Nicht selten gerät der SPD-Bezirkspolitiker beim Kauf von zwei Eiern und einer Tüte Mehl mitten in eine kommunalpolitische Diskussion. "Der ganze Müll hier auf der Straße, dagegen muß man mal was machen", sagt eine Kundin. Kopfnicken in der Runde. Und die Hundehaufen, das sei auch so ein elender Mist. Wenigstens das mit den ganzen Lkw sei ja weniger geworden, was ein Glück.

Doch im "Tante-Gerda-Laden" wird nicht nur geschwatzt, hier wird noch angepackt. Post und Pakete für weggefahrene Nachbarn nimmt die Einzelhandelskauffrau ("Aber nicht nur so, das hab' ich richtig gelernt, mit Buchhaltung und allem") entgegen. Der kleine weggelaufene Schnauzer und die entrissene Perserkatze werden von ihr zum richtigen Besitzer gebracht.

Wenn Jugendliche mal was stibitzen, wird das mit einer Standpauke geklärt, einer ordentlichen. "Ein ordentlicher Schreck ist oft schon Strafe genug", sagt Gerda Petta und wendet sich dem nächsten Kunden zu, der eine Straße sucht. Auch hier kann sie helfen. Nur in seltenen Fällen kann sie nicht helfen, wie bei der Chemnitzstraße. Die hieß nämlich früher Wilhelmstraße.

Auch in den "Tante-Gerda-Laden" wird bald vielleicht ein anderes Geschäft einziehen. Gerda Pettas Zwillingstöchter Barbara Bürger und Antje Zimmer sind zwar auch gelernte Einzelhandelskauffrauen, werden den Laden aber nicht übernehmen. "Das rechnet sich auf Dauer einfach nicht", sagt Barbara Bürger. "Auch wenn es unglaublich schade ist." Doch ans Aufhören denkt ihre Mutter eh noch nicht. "Ich steh' hier so lang', bis ich umkippe", sagt Gerda Petta und lacht.

Ein herzliches Lachen, mitten zwischen geräucherter Salami, Kaffeefiltern und Tütensuppen.