31.01.09

Typisch Hamburg: Auf der Suche nach Paradiesvögeln und Originalen der Stadt (Serie: Teil 1)

Herr Müller kokettiert mit dem Klabautermann

Manchmal tut er einfach so, als sei er von allen guten Geistern verlassen. Doch "Hey Lücht" weiß ganz genau, was seine Passagiere so hören wollen.

Von Jens Meyer-Odewald
Foto: Michael Zapf
Barkassenkapitän Rolf Müller in seinem Element – und groß in Fahrt.

Leinen los! Behutsam dirigiert Rolf Müller seine Barkasse von der Überseebrücke in Richtung Speicherstadt. Es schaukelt ganz schön, und im Passagierraum werden die ersten "Flens" gelenzt. Plopp! Auf zur Hafenrundfahrt. Eine Stunde Informationen satt - mit reichlich Seemannsgarn garniert. Typisch Hamburg.

"Moin!", sagt Müller ins Mikrofon, das an einer Kordel von der Decke baumelt. Mundgerecht. Mit der rechten Hand bewegt er das hölzerne Steuerrad mit der Goldverzierung in der Mitte, in der Linken hält er seine Pfeife. Der Sicherheitshinweis auf die Schwimmwesten unter den Stühlen muss sein. "Eine davon ist mit Blei gefüllt", fügt Käpt'n Müller hinzu. "Für die Schwiegermutter." Gelächter auf den Plätzen steuer- und backbord.

"Hey lücht!", ruft einer. Recht hat er. Schließlich zählt Rolf Müller zur ehrbaren Zunft der Barkassenkapitäne und Hafenführer, deren Berufsbezeichnung im Volksmund von jeher mit "Hey Lücht" auf den Punkt gebracht wird. Höflich, auf Plattdeutsch. Weil die buchstäbliche Übersetzung mit "er lügt" zu hart ausfallen würde. Flunkern klingt netter - und liebevoller. Weil Müller & Co. traditionell das Kunststück schaffen, Daten und Döntjes hörenswert zu verbinden. Sodass eine Informationsfahrt zur Unterhaltungsveranstaltung gerät. Das kommt an. Wie die zunehmend gute Stimmung hinten beweist. An Kaffee, Kümmerling und Küstennebel, Flensburger Pilsener und Kleinen Feiglingen, Glühwein und Brause, die Stewart Sven den Mitfahrern für kleines Geld anbietet, liegt das nur sekundär.

Müller dirigiert seinen Kahn gen Jungfernbrücke, handfeste Fakten im Minutentakt servierend: Größe und Bedeutung des Hafens, Entstehungsgeschichte, Wandel, aktuelle Zahlen und so weiter. Früher, so der Kaptein, wurde der wohlhabende Hanseat Pfeffersack genannt, heute heiße er schlicht Geldsack. Und wo einst Störtebekers Mannen einen Kopf kürzer gemacht wurden, behauptet er im Vorbeifahren, rücke der Senat heutzutage dem Steuerzahler zu Leibe. "Ist tatsächlich so ...", schwört Müller immer wieder Stein und Bein. Auch als er den Landratten an Bord weismachen will, dass zwischen den Klappen der Ellerholzschleuse geratene Fische später als Flunder auf dem Markt feilgeboten werden. Beim Klabautermann!

Müller, das spürt man, ist als "Hey Lücht" in seinem Element. Koppelt Spaß an der Schifffahrt und Wissen über Hamburg mit Entertainertalent. Kein Seemannsgarn! Dass er mit weißem Rauschbart, Pfeife, Jacke und Elbsegler auch optisch wie ein alt gedienter Seebär wirkt, passt ins maritime Bild.

Das Beste daran: Rolf Müller ist tatsächlich ein alt gedienter Fahrensmann, der jahrzehntelang auf den Weltmeeren ebenso zu Hause war wie in seiner norddeutschen Heimat. Im Kaff Holstenniendorf in Schleswig-Holstein aufgewachsen und als Schlachter in die Lehre gegangen, zog es den jungen Rolf 1961 in die weite Welt. Mit ein paar Mark in der Tasche trampte er 1961 von Kiel nach Hamburg, klopfte an den Landungsbrücken an die Tür einer Reederei und heuerte kurz entschlossen bei Ahrenkiel & Behne an. Erst als Kochsmaat auf der "Lea Paul" im Liniendienst nach Chicago, später als Jungmann. 1968 absolvierte der ausgebildete Matrose an der Seefahrtsschule in Cuxhaven das Kapitänspatent. Aber das hat Müller schon vor dem Start zur Hafenrundfahrt in aller Ruhe bei einem Pott Kaffee erzählt.

Einem Vierteljahrhundert auf Containerschiffen und Fähren folgte 1996 der Wechsel zur Barkassen-Centrale Günter Ehlers am Vorsetzen, dem größten und einem der namhaftesten Dienstleister im Sektor der Hafenrundfahrten. Einem Hamburger Familienbetrieb mit maritimen Wurzeln: Schon Vater Günter Ehlers, Großvater Hans Ehlers und Urgroßvater Heinrich Ehlers, die Vorfahren der heutigen Betreiber Klaus Ehlers sowie Birgit Ehlers-Braatz, waren Hafen, Elbe und Seefahrt verbunden.

Zwei Schlepp- und 15 Fahrgastbarkassen sind im Einsatz - bis zu zwölfmal am Tag. Gut 80 Hafenbarkassen sind registriert. Zwischen 12 und 17 Euro kostet das ein- bis zweistündige Bootsvergnügen. Anziehungskraft und Werbewert für Hamburg sind unbezahlbar.

10 000 Hafentouren hat Rolf Müller bis heute gut und gerne gefahren. Da weiß man, was bei den Seh-Leuten besonders ankommt: Seemannsgarn mit Hautgout wird gern gehört. Schließlich liegt St. Pauli in Sichtweite.

Beim Krachen der gestapelten Container an den Terminals schnackt "Hey Lücht" Müller vom "einzigen Bums in Hamburg, der kostenlos ist". Apropos: "Auf dem Kiez gibt's nur eine Vogelsorte - die Bordsteinschwalbe." Die Leute lachen. Mit einem kraftvollen "Hummel, Hummel!" und einem vielstimmigen "Mors, Mors!" als Antwort klingt eine originelle Stunde aus. Käpt'n Müller macht die Leinen fest. Und Tschüs.


Lesen Sie in der nächsten Folge: Herr Litzki und die Liebe zu Bürsten

Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Alles über Ihre Straße

Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. KommentareSowjetisches ErbeUkraine war zu lange der depressive Vorhof Russlands
  2. 2. AuslandRusslandUkraine habe Friedensplan "falsch verstanden"
  3. 3. AuslandUkraine-KriseProrussische Milizen verweigern Entwaffnung
  4. 4. Henryk M. Broder"Rettet Europa!"Ein Experiment mit 500 Millionen Versuchskarnickeln
  5. 5. DeutschlandHohe BenzinpreiseSPD-Verkehrsexperte droht Ölfirmen mit Kartellamt
Top Bildergalerien mehr

Herrenloses Boot in der HafenCity

Rothenburgsort

Feuerwehreinsatz an der Marckmannstraße

Kamerunkai

Gabelstapler stürzt in die Elbe, Fahrer stirbt

Flora-Eigner bei Lesung auf dem Friedhof

Highlights
tb_hh_mahjong100.jpg
Mahjong

Spielen Sie mit!mehr

rb_wetter_926045a.jpg
Wetter in Hamburg

Der aktuelle Wetterbericht mit Karte und Vorhersagemehr

rb_stadtplan_926042a.jpg
Stadtplan Hamburg

Mit dem Hamburger Stadtplan Adresse und Orte findenmehr