Nicole und Esther sind eingetragene Lebenspartner. Esther brachte in Hamburg ihre Tochter zur Welt, Nicole kämpft um eine Adoption.

Homosexuelles Paar mit Kind

Esther (l.) und Nicole mit ihrer Tochter Julie. Die beiden Frauen sind seit sechs Jahren ein Paar und im Sommer Eltern geworden. Der Weg dorthin führte sie unter anderem nach Dänemark in eine "Kinderwunschklinik", wo Esther eine Samenspende erhielt.
Foto: Johannes_Arlt

Hamburg. Jede zweite lesbische Frau und jeder dritte schwule Mann wünschen sich ein Kind. Nicole und Esther sind eingetragene Lebenspartner. Esther brachte in Hamburg ihre Tochter zur Welt, Nicole kämpft um eine Adoption. Die Hände von Nicole* zitterten, als sie die Nabelschnur ihrer Tochter vorsichtig durchtrennte. Fast unmerklich, nur für sie selbst spürbar. Esther* hatte schmerzhafte Wehen, zwei Tage lang. Dann der Kaiserschnitt.

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Hamburger Abendblatt

Am 5. Juli, um 21.48 Uhr, hielt die Ärztin des Altonaer Krankenhauses ein gesundes Mädchen in die Luft. Nicole trug einen grünen OP-Anzug, sie brachte das Neugeborene zu seiner erschöpften Mama Esther ans Bett. Dann verließen die Krankenschwestern den Raum. Dieser Moment sollte nur den Müttern gehören.

"Die ersten Minuten mit Julie waren so intensiv", erinnert sich Esther, und ihre braunen Augen hinter der schlichten Nickelbrille sind ein bisschen glasig. Sie sitzt auf dem ausladenden Sofa in ihrem Haus in Elmshorn. Neben ihr Nicole, ganz nah. Sie sind ein Paar. Und seit mehr als drei Monaten Eltern. Esther blinzelt und schenkt sich ein Glas Wasser nach, Nicole richtet sich ruckartig auf. Sie ist 36 Jahre alt, eine Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht, aber unlängst auf die Hilfe anderer angewiesen war. "Ich bin nichts anderes als ein Vater. Ich habe mir nur ein klein wenig ausleihen müssen", sagt sie entschlossen, fast schon ein bisschen ärgerlich. Die "kleine Leihgabe", von der sie spricht, kommt aus Dänemark.

Dort, in Arhus, liegt die Diers-Klinik. Ein denkmalgeschütztes Fachwerkhaus, in dem Ärzte mit modernen Methoden arbeiten. Unter homosexuellen Paaren ist die Klinik schon längst kein Geheimtipp mehr. Eine Hamburger Kinderärztin gab Esther und Nicole die Adresse dieser "Kinderwunschklinik".

In Deutschland ist den beiden Frauen der Weg zur Samenbank verwehrt. Und in einem Beschluss der deutschen Ärztekammer ist im Zusammenhang mit lesbischer Insemination von "Sittenwidrigkeit" die Rede. Zudem fürchten Ärzte, durch diese Samenübertragung auf Unterhaltszahlungen verklagt zu werden, da sie nach deutschem Recht als Erzeuger gelten könnten. Auf den meisten deutschen Internetseiten von Samenbanken wird ausdrücklich erwähnt, dass lesbische Paare nicht behandelt werden. Esther und Nicole haben sich nicht abschrecken lassen. Sie haben schon ganz andere Hürden gemeinsam gemeistert. Jede neue Chance, die sich für homosexuelle Paare auftat - die beiden Frauen haben sie ergriffen. Seit 2003 sind sie fest zusammen. Spontan die Heirat 2004 in Provincetown, US-Bundesstaat Massachusetts. Kurz zuvor hatte Gouverneur John Kerry die Homo-Ehe für rechtens erklärt. Zurück in Deutschland, hatte der symbolische Akt jedoch keinerlei Wert. 2005 ließen sie sich von einer befreundeten Pastorin in Tornesch erneut trauen und leben jetzt in einer sogenannten "eingetragenen Lebenspartnerschaft". Ohne dieses sperrige Wort gäbe es Julie heute nicht. Denn erst als eingetragene Lebenspartner dürfen Homosexuelle offiziell fremden Samen kaufen. Nicht in Deutschland, aber in Dänemark.

"Der Moment, als wir die Liste mit möglichen Spendern in den Händen hielten, war erst einmal unangenehm", gibt Esther zu, beinahe schüttelt sie sich. "Das war wie zwischen Zucker und Mehl wählen." Ein komisches Gefühl, so über den zukünftigen Papa ihres Kindes zu entscheiden, klar - aber notwendig. Und außerdem nur ein Merkmal einer Phase, in der sich Esther und Nicole so nah waren, wie selten zuvor. Beide lächeln jetzt, Nicole zeigt ein Foto aus dem Kreißsaal. Sie hält es so nah vor ihrer beider Gesichter, dass ihre Haare auf das Bild fallen.

Die Berufsangabe der dänischen Kandidaten war den Frauen besonders wichtig. "Wir wollten einen soliden Charakter haben", sagt Nicole. "Einiges ist genetisch bestimmt. Auch wenn ich der Meinung bin, dass die Umwelt und die Menschen, die das Kind großziehen, Freunde, Verwandte einen Menschen hauptsächlich formen und beeinflussen." Die Angaben zu Julies Erzeuger klingen so, wie das Klischee eines gestandenen Mannes aussieht: 1,89 Meter groß, grüne Augen, braune Haare, Student an der Polizeiakademie. Lesbische Frauen wählen nach denselben biologischen Kriterien aus wie heterosexuelle.

Die Suche nach einem Spender im Bekanntenkreis blieb erfolglos. Ein Freund des Paares musste sein Angebot zurückziehen, da er selbst Vater wurde.

Auch eine Adoption durch Homosexuelle ist sehr schwierig und selten. Michael Reimers aus St. Georg lebt seit acht Jahren in einer festen Beziehung. Für ihn ist die Benachteiligung unverständlich: "Es ist paradox. Ich kenne viele homosexuelle Paare, die eine Familie gründen möchten. Nur wird ihnen das in Deutschland schwer gemacht. Man spricht von einer Vergreisung der Gesellschaft und hört in den Medien von Fällen überforderter Eltern. Wieso wird nur uns der Kinderwunsch erschwert? Gerade weil sich schwule Männer selten für Kinder entscheiden, sind diese absolute Wunschkinder." Umfragen des Schwulen Netzwerks NRW zufolge wollen jede zweite lesbische Frau und jeder dritte schwule Mann gerne Kinder großziehen. Für Esther und Nicole öffnete sich 2005 eine andere Tür: Für offiziell eingetragene Lebenspartnerschaften gibt es seitdem die Möglichkeit der "Stiefkindadoption". Damit können gleichgeschlechtliche Partner die leiblichen Kinder ihrer Lebensgefährten adoptieren. Theoretisch. Nicole hat den Antrag längst gestellt. Bisher ohne Erfolg.

Die heile Welt der jungen Familie wurde früh auf die Probe gestellt. Kürzlich erklärte die Notarin den Lebenspartnern, dass das Sorgerecht erst in einem Jahr beantragt werden kann. Ausgang offen. Ein sensibles Thema für Nicole, ihre Stimme ist brüchig: "Man hat mir damit gesagt, meine Tochter sei nicht meine Tochter."

Das bedeutet für die junge Familie: Wenn Esther vor der Adoption etwas zustoßen sollte, käme ihre Tochter in eine Pflegefamilie. Und eigentlich müsste Esther Nicole eine Vollmacht ausstellen, wenn die ihre Tochter vom Kindergarten abholen will. Nicole hat keine Rechte. Regenbogenfamilien sind in Deutschland rechtlich immer noch Familien zweiter Klasse, sagt Elke Jansen, Leiterin des Projekts Regenbogenfamilien im Lesben- und Schwulenverband Deutschland. "Besonders im Finanz- und Steuerrecht werden homo- und heterosexuelle Familien ungleich behandelt. Eine Regenbogenfamilie mit einem monatlichen Brutto-Einkommen von 3000 Euro hat 300 Euro weniger pro Monat zur Verfügung."

Über die Mutmaßung konservativer Politiker, Kinder schwuler und lesbischer Eltern durchlebten keine wünschenswerte Phase der Adoleszenz, kann Esther nur lachen. "Wenn Kinder von Schwulen und Lesben es tatsächlich schwerer haben sollten als andere Kinder, dann nur aufgrund der Diskriminierung, der sie und ihre Eltern ausgesetzt sind."

Noch ist Julie winzig klein, sie weiß noch nichts von den persönlichen und ideologischen Kämpfen, die ihretwegen ausgefochten werden. Esther, Nicole und Julie: Zwei Frauen - zwei Mütter - und ihr Kind. "Vielleicht werden Julies erste Worte 'Mama' oder 'Mami' sein", sagt Esther.

Nicole ist die Mami und Esther die Mama.

*) Die beiden Frauen möchten ihren Nachnamen nicht nennen.