03.02.13

Sozialprojekt

Im Boxring die Spielregeln der Gesellschaft lernen

In der Boxakademie in Jenfeld lernen Faustkämpfer Fairness und Miteinander. Doch Trainer und Gründer haben ein Problem - das Geld fehlt.

Von Christian Görtzen
Foto: Pressebild.de/Bertold Fabricius
Boxakademie Hamburg
In der Sporthalle am Denksteinweg leitet Trainer Andreas Buchner den sieben Jahre alten Enrico und den neun Jahre alten Emre an

Hamburg. Die Gefahr nähert sich beinahe lautlos, auf Hüfthöhe eines Erwachsenen. Während der zehnjährige Amnar mit fester Entschlossenheit einen Fuß vor den anderen setzt, schnellt seine linke Führhand immer wieder zackig nach vorne. Der Jab, besagter Schlag beim Boxen, sieht schon recht gekonnt aus.

Amnars kleiner Kopf ist hinter seiner Deckung aus den erhobenen Armen geschützt. Er ist derart konzentriert bei der Sache, dass ihm erst nach dem Erreichen des Geräteraums der Sporthalle gewahr wird, dass er die Übung über das ursprünglich angesetzte Maß hinaus erfüllt hat, dass er sieben, acht Schritte zu viel gesetzt hat.

Der Nachwuchs-Faustkämpfer mit den jordanischen Wurzeln blickt auf, wundert sich kurz, sagt "Oh", lächelt schließlich, macht flink auf dem Absatz kehrt und flitzt zurück zu den anderen 15 Jungen und drei Mädchen im Alter von sechs bis zwölf Jahren, die heute am Training der Box-Akademie Hamburg teilnehmen.

Nicht weit von ihm entfernt steht ein kräftiger Mann mit Brille, hohem Haaransatz und ergrautem Vollbart. Er hat die Szene verfolgt und schmunzelt. Waldemar Sidorow schaut mit Freude und auch mit Stolz zu, wie die Kindergruppe unter der Anleitung von Trainer Andreas Buchner ihre Übungen vollzieht.

Drei Männer legten den Grundstein

Der 56-jährige studierte Theologe Sidorow war es auch, der Anfang 2009 viel dazu beigetragen hatte, dass die Box-Akademie Hamburg gegründet wurde und seitdem in der Jenfelder Stadtteilschule am Denksteinweg ihr Zuhause hat. Sidorow war Teil eines Trios, das sich zum Ziel gesetzt hatte, Kinder und Jugendliche in Jenfeld "auf einen guten Weg zu bringen", ihren Willen über den Boxsport zu schulen und sie bei der Entdeckung und Entfaltung ihrer Fähigkeiten zu begleiten und zu unterstützen.

Gemeinsam mit dem ehemaligen Box-Europameister Jürgen Blin und dem Jenfelder Pfarrer Thies Hagge legte Sidorow damals den Grundstein zur Box-Akademie. Mathias Herzog, Leiter der Stadtteilschule am Denksteinweg, stellte für das Training die Sporthalle zur Verfügung. Altmeister Blin, der sich einst im Ring von Muhammad Ali hatte verprügeln lassen, ist seit einiger Zeit nicht mehr dabei. Er hatte insgeheim gehofft, einen Rohdiamanten zu entdecken, den er aufgrund seiner Erfahrung zu großem Glanz würde schleifen können.

Energie kanalisieren und positiv nutzen

"Ein zukünftiger Weltmeister wird sich hier sicher nicht finden", sagt Sidorow. Dies sei aber auch nicht das Ziel. "Es geht vielmehr darum, dass es die Kinder und Jugendlichen schaffen, ein Zusammenleben zu organisieren, dass sie Umgangsformen lernen und wie sich Konflikte friedlich lösen lassen. Sie sollen die Spielregeln der Gesellschaft erkennen. Sicherstellen kann ich es nicht, dass sie in der Freizeit ihre Kraft nicht falsch anwenden. Aber ich kann die Energie kanalisieren, sie positiv nutzen."

Sein Trainerteam besteht aus zwölf Personen, die sich aus unterschiedlichen Berufsgruppen zusammensetzen. "Wir haben zum Beispiel einen Philosophen, Juristen, Kriminologen, einen Zimmermann oder einen Maler", erzählt Sidorow. Es gibt acht Trainingsgruppen in drei Altersklassen. Rund 70 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben einen Migrationshintergrund. Die Schulen seien sehr überzeugt von dem Projekt, weil es eine große Hilfe für die Lehrer sei. "Die Kinder sind im Unterricht ruhiger und konzentrierter geworden. Ich weiß ja auch selbst um den Wert des Sports. Ich betreibe ihn, seit ich laufen kann", sagt Sidorow. Im Eishockey hat er es recht weit gebracht. In den achtziger Jahren spielte er für den EHC Freiburg in der Zweiten Bundesliga.

Die Entwicklung beobachten

Andreas Buchner betreut heute in der Box-Akademie die Jüngsten. Die ehrenamtliche Arbeit des Zimmermanns, der zum Sozialpädagogen umschult, geht weit über das Vermitteln von Box-Fertigkeiten hinaus. Buchner ist vieles in einem – Vertrauensmann, Motivator, Respektsperson und Konfliktlöser. Auf letztgenanntem Feld ist er gerade gefordert.

Der zehnjährige Amnar und der ein Jahr jüngere Arton sind sich beim Ausführen einer Übung nicht ganz einig. "Die Kinder vertragen sich schnell wieder. Es ist hier schon eine familiäre Situation entstanden", sagt der 27-Jährige, der es im Halbschwergewicht immerhin zum Hamburger Meister gebracht hat. Seit zwei Jahren ist Buchner dabei. "Zu Beginn war es nicht so leicht, Vertrauen zu den Kindern aufzubauen. Aber es ist schön zu sehen, wie sie ihre Stärken erkennen. Die Kinder geben einem viel, man sieht ihre Entwicklung."

Wie lange die Akademie ihre Sozialarbeit in Jenfeld noch wird ausüben können, lässt sich nicht prognostizieren. Sidorow: "Wir leben von der Hand in den Mund. Man kann nur für zwei, drei Monate vorausschauen. Genau genommen ist es jedes Jahr ein Lotteriespiel." Bislang geht es gut. Eine Gesetzmäßigkeit lässt sich daraus nicht ableiten. Es gibt keine Mitgliedsbeiträge. Die 50.000 bis 60.000 Euro, die Jahr für Jahr an Kosten zum Erhalt anfallen, wurden stets so gerade eben durch die Mittel einer Stiftung, durch Spenden und durch Unterstützer aus der Wirtschaft generiert.

Sidorow hofft auf Hilfe durch die Klitschkos

Einer dieser Unterstützer, die Fitness-Studio-Kette McFit, zählt auch zu den Premiumsponsoren im Portfolio der ukrainischen Box-Weltmeister Vitali und Wladimir Klitschko, die in Hamburg groß geworden sind. Diese Verbindung wollte sich Sidorow zunutze machen.

"Ich habe das Management der Klitschkos einmal angeschrieben, ob es nicht möglich sei, dass sie unsere Box-Akademie einmal besuchen. Ich weiß ja, dass die Klitschkos solche sozialen Projekte unterstützen", sagt Sidorow. Sein Versuch war nicht von Erfolg gekrönt. Ein Besuch im Rahmen des WM-Kampfes zwischen Wladimir Klitschko und Mariusz Wach zum Beginn des vergangenen Dezembers habe nicht in den Terminplan der Brüder gepasst, wurde ihm von deren Management mitgeteilt.

Aber Sidorow will nicht aufgeben. "Es würde uns sehr helfen, wenn die Klitschkos irgendwann einmal zu uns kommen würden, um mit den Kindern ein bisschen zu trainieren. Das würde der Box-Akademie Hamburg enorm viel Aufmerksamkeit verschaffen", sagt er. Eine Größe des Boxsports, wenn auch nicht in der Kategorie der Klitschkos, hat der Box-Akademie schon einmal einen Besuch abgestattet. Vor drei Jahren war der ehemalige Europameister Alexander Dimitrenko zu Gast. Für die Kinder und Jugendlichen sei es damals ein Erlebnis gewesen, sagt Waldemar Sidorow.

Der Traum, Weltchampion zu sein

Die Kinder träumen schließlich von großen Erfolgen im Ring, davon, dass ihnen die Zuschauer zujubeln. "Ich möchte hier das Boxen lernen. Und irgendwann will ich der Weltchampion sein", sagt Amnar. Der ein Jahre jüngere Arton hat für sich schon einen Kampfnamen ausgesucht. "Ich will ein großer Champion werden – Arton, der Unbesiegbare" sagt er. Sidorows Traum sieht anders aus. "Ich träume davon, dass die Kinder jeden Tag nach der Schule hierher kommen können, auch am Sonnabend und Sonntag, dass sie hier nicht nur trainieren, sondern sich auch treffen können", sagt er.

Und dann wäre es natürlich auch ein Traum, wenn die Klitschkos tatsächlich einmal in der Jenfelder Box-Akademie vorbei schauen würden. Arton: "Das wäre richtig klasse. Ich würde dann alles geben, alles zeigen, was ich drauf habe." Wer weiß, vielleicht geht irgendwann die Tür zum Kabinentrakt auf, und die Klitschkos sind dann leibhaftig da.

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