24.12.12

Dulsberg

Wenn Atheisten Weihnachten feiern

Die Gemeinde der Ungläubigen wendet sich gegen den Einfluss der Kirche auf den Staat. Feiern am 24. Dezember gibt es aber trotzdem.

Von Axel Tiedemann
Foto: getty
Symbole wie Lichter und Weihnachtsbäume sind auch für konfessionsfreie Menschen wichtig
Symbole wie Lichter und Weihnachtsbäume sind auch für konfessionsfreie Menschen wichtig

Hamburg. Den kleinen Weihnachtsbaum hätte man jetzt hier nicht vermutet, auch die Kerze auf dem Tisch nicht. Oder die gehäkelte Tischdecke mit Adventsmotiven. Jedenfalls nicht, wenn man mit jemandem verabredet ist, für den die Geburt von Jesus Christus, Kirche oder Konfessionen eigentlich keine Bedeutung haben. "Wir glauben nicht an eine Offenbarung, einen Gott oder religiöse Dogmen", hatte Heiko Porsche am Telefon gesagt.

Doch unser Treffpunkt in einem früheren Ladenlokal in einem Dulsberger Backsteinbau erinnert irgendwie doch an ein kirchliches Pastorenbüro. "Gemeindezentrum" steht in hellen Buchstaben auf dem großen Fenster.

Zu dem Gespräch über Glauben und Kirche hat Porsche auch Helmut Kramer, einen Bauingenieur-Professor und den pensionierten Lateinlehrer Eike Möller mitgebracht. Alle drei vertreten hier Verbände, in denen sich freigeistliche oder atheistische Vereine zusammengeschlossen haben. Menschen, die bewusst konfessionsfrei leben und wohl eher kirchenkritisch sind. Die "säkulare Szene", wie Kramer sagt. Organisiert sind darin wohl nur einige Hundert Menschen in Hamburg, genaue Zahlen gibt es da nicht.

Konfessionsfrei, also nicht Mitglied einer Kirche, sind mittlerweile aber rund ein Drittel der Deutschen. "Eigentlich ist das die Mehrheit, und für die fühlen wir uns wie eine Art Pressure Group", sagt Kramer. Es gelte, die Interessen der konfessionsfreien Menschen zu vertreten und vor einer "Bevorteilung" durch Kirchen zu schützen. Religion ist Privatsache - der Staat müsse da neutral bleiben. Das ist sozusagen das Hauptanliegen der säkularen, also der weltlichen Gemeinschaften, die sich wie Kirchen eben auch mit ethischen Fragen beschäftigen, aber sich dazu nicht auf Offenbarungen oder schriftliche Überlieferungen wie die Bibel berufen. Sondern eher auf Naturwissenschaften und Menschenrechte. So erklären die drei es jedenfalls.

Heiko Porsche vertritt in Hamburg den Verband Freier Weltanschauungsgemeinschaften. Aktuell etwa verfolgt der Verband kritisch den Plan des Senats, auch mit Muslimen - wie mit den anderen Kirchen - Staatsverträge abzuschließen. "Solche Staatsverträge lehnen wir ab", sagt Porsche. Sie wenden sich gegen staatlich finanzierte Ausbildung von Religionslehrern, kirchliche Mitspracherechte in den Rundfunkräten und bei ethischen Fragen der Politik, das Recht auf eigenen Religionsunterricht. Sie bezeichnen solche Verträge als Bevorzugung. Besser sei ein Ethikunterricht für alle Schüler, sagen sie. "Der Einfluss der Kirchen auf den Staat muss zurückgedreht werden", sagt Kramer. Doch wie passt da der Weihnachtsbaum oder die Kerze?

Sind das nicht christliche Weihnachtssymbole? Kramer, Porsche und Möller lächeln bei dieser Frage. Alle drei sind Unitarier, Mitglieder einer weltanschaulichen Gemeinschaft, die einst aus freien Protestanten hervorgegangen ist. Rund 150 Mitglieder hat die Gruppe in Hamburg, in Deutschland sind es um die 1000.

Ihren Ursprung sehen sie in Protestanten, die Jesus zwar als großes Menschenvorbild sahen, nicht aber als Gottessohn. Um 1911 führte diese Gruppe nach amerikanischem Vorbild die Bezeichnung Unitarier ein, die dort schon lange für eine strikte Trennung von Staat und Religion eintraten und eher etwas Göttliches im Wesen der Natur sehen: Alles bilde eine Einheit, daher der Name Unitarier. Nach 1945 stießen zu den deutschen Unitariern aber auch ehemalige Nazis, die eine Art völkisch-nationale Gegenreligion anstrebten.

Erst in den 1980er-Jahren kam es zum endgültigen Bruch mit dieser Strömung; bis heute sind die Unitarier aberteils massiven Anfeindungen aus der Antifa-Bewegung ausgesetzt. In ihren "Grundgedanken" bekennen sie sich heute eindeutig zu Vielfalt in der Gesellschaft, zu Toleranz und Menschenrechten. Doch an einen Gott oder gar eine Auferstehung - daran glauben Unitarier wie andere atheistische Gruppen nicht. "Was nach dem Tod kommt? Darüber gibt es keine Gewissheit", sagt Porsche. Der Mensch komme aus der Natur und werde wieder Teil von ihr, wenn er stirbt. Das in etwa sei ihr Glaube. Und auch für ein tolerantes Zusammenleben brauche man keine Offenbarungsregeln oder Drohungen wie die mit dem Jüngsten Gericht.

Der Mensch lebe in einem "Spannungsfeld zwischen Streben nach Eigenständigkeit und dem Bedürfnis nach Liebe und Geborgenheit", heißt es in den "Grundgedanken". Daher brauche der Mensch oft auch eine Gemeinschaft, sagen die drei. In ihrem Dulsberger Gemeindezentrum besprechen die Unitarier beispielsweise ethische Fragen. "Stunde der Besinnung" heißt das dann und nicht Gottesdienst. Sie richten Feierstunden aus bei Geburt oder Tod. Und sie feiern auch Weihnachten. Die Tradition der Lichter in den dunklen Tagen zur Jahreswende: Das sei doch eigentlich ein viel älterer Brauch als die christliche Feier. Man feiere eben "besinnlich, nicht christlich", wie Porsche sagt. Auch wer nicht an Gott glaubt, braucht wohl solche Tage.

Und einen Weihnachtsbaum.

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