30.11.12

^Prozess der Woche

Den Hund vergöttert - den Tierarzt nicht bezahlt

Gerichtsreporterin Bettina Mittelacher schreibt jede Woche über einen außergewöhnlichen Fall. Heute: Ein Hamburger und sein Hund.

Von Bettina Mittelacher
Foto: picture-alliance
Justitia (Symbolfoto)
Justitia (Symbolfoto)

Neustadt. Es ist nicht viel, was der Mann noch hat und an dem er wirklich hängt. Da ist seine winzige Wohnung und seine halbwegs intakte Gesundheit, die er wahrlich nicht als selbstverständlich erachtet. Doch enge Familienbande existieren im Leben des 65-Jährigen nicht mehr. Umso mehr hat der Hamburger sein Herz an seinen kleinen Hund gehängt, einen Pekinesen namens Monti. "Er ist wie mein Kind, er ist mein Ein und Alles", schwärmt Rainer B. (Name geändert). Für das Tier würde er vermutlich alles tun, und wenn es Monti schlecht geht, ist auch der Rentner seines Lebens nicht mehr froh. "Der Hund ist schon zehn Jahre alt, und bevor er mir eingeht, gehe ich eben zum Tierarzt", meint der frühere Verkäufer vom Fischmarkt schlicht. Eine klare Sache, eine Selbstverständlichkeit, so scheint es. Ja, wenn es denn so einfach wäre!

Denn der Besuch beim Veterinär hat Rainer B. vor den Kadi gebracht. Der Hamburger ist wegen Betrugs angeklagt, weil er im vergangenen Sommer in einer Tierarztpraxis über die Dauer von mehreren Wochen seinen Hund behandeln ließ und dadurch eine Rechnung von 563 Euro entstand. Er habe seine Zahlungsfähigkeit vorgetäuscht, obwohl er bereits eine eidesstattliche Versicherung abgegeben und deshalb gewusst habe, dass er das Geld nicht aufbringen könne, so die Staatsanwaltschaft.

Vom gemeinhin üblichen Stereotyp des aalglatten Betrügers mit aufgesetztem Lächeln und selbstsüchtigem Gewinnstreben ist Rainer B. Lichtjahre entfernt. Im Prozess vor dem Amtsrichter sitzt ein betreten dreinblickender Mann in Trainingsjacke und mit schulterlangem grauem Haar, der sein abgewetztes Käppi nervös in den Händen knetet. "Monti war kurz vorm Sterben", erläutert der Sozialhilfeempfänger. "Also bin ich mit ihm zum Tierarzt gegangen. Ich habe denen erzählt, dass ich zwar arbeitslos bin, aber vielleicht einen Job als Markthelfer in Aussicht habe." Das habe auch den Tatsachen entsprochen.

"Ich bin mit meinem Hund ja schon ewig bei den Ärzten, die kennen uns, sonst hätten die sich gar nicht darauf eingelassen." Allerdings habe sich die Sache mit dem Job leider später zerschlagen, deshalb habe er die Rechnung dann doch nicht zahlen können. Und die eidesstattliche Versicherung habe er erst später abgegeben, als die Behandlung schon eine Zeit lang lief, verteidigt sich Rainer B.

"Was hat der Hund denn? Altersschwäche?", möchte der Amtsrichter wissen. Monti habe ein Leberleiden, bedauert der Angeklagte. "Und die Tabletten dafür zahle ich von meinen paar Groschen." Aber die Ärzte hätten den Hund "wieder hingekriegt. Er ist jetzt wieder fit. Und wissen Sie, ich bin allein, und das Tier ist eben mein Lebensinhalt. Ich gehe sechs- bis siebenmal pro Tag mit ihm spazieren. Das ist ja auch gut für mich."

Es könne aber doch jederzeit wieder geschehen, dass der Pekinese erneut krank wird, gibt der Richter zu bedenken. "Ein Hund kostet doch Geld." Und dann könne Rainer B. womöglich eine dann erneut anfallende Tierarztrechnung wieder nicht begleichen. Nein, noch mal werde ihm das nicht passieren, versichert der Angeklagte. Er wisse ja mittlerweile, dass es für Veterinäre keine Behandlungspflicht gibt. "Anders als bei uns Menschen", stellt der 65-Jährige fest. "Ich bin jetzt bei der AOK, so schön war ich noch nie versichert. Da kann ich jederzeit hingehen mit meinen Wehwehchen." Aber zunächst einmal sei Monti ja wieder "richtig gut drauf. Er hat es wirklich gut."

Schon vor dem Pekinesen habe er einen Hund gehabt, erzählt der Angeklagte. Aber der sei vor etlichen Jahren von dem Halter eines größeren Hundes so massiv getreten worden, dass das Tier an seinen Verletzungen starb. Eine Mischung aus Wehmut und Stolz klingt in seiner Stimme mit, als Rainer B. verkündet: "Das stand damals sogar groß in der Zeitung."

Ein Schriftstück ganz anderer Art lässt den Angeklagten indes nicht gerade als Unschuldslamm dastehen. Etliche Verurteilungen finden sich in seinem Vorstrafenregister, unter anderem wegen Fahrens ohne Führerschein und Verstoßes gegen das Lebensmittelgesetz. "Ja, damals, das waren noch Zeiten", sinniert Rainer B. in Erinnerung an seine Verkäufertätigkeit auf dem Fischmarkt. "Da nahm man das mit der Hygiene noch nicht so genau. Da hatte man den Fisch einfach auf einem Klapptisch, und das war's dann." Doch das liegt lange Jahre zurück, ebenso wie seine letzte Verurteilung. Seit 2003 ist der 65-Jährige nicht mehr mit der Justiz in Konflikt geraten.

Und auch der Fall mit Monti ist nach Überzeugung von Richter und Staatsanwältin keine Sache, die mit einer Verurteilung geahndet werden sollte. Das Verfahren gegen Rainer B. wird eingestellt mit der Auflage, dass der 65-Jährige ein "hilfeorientiertes Gespräch" mit der Gerichtshilfe führt. "Das sind Sozialarbeiter, die sich mit vielfältigen Problemen auskennen, vielleicht können die Ihnen mit ein paar guten Ratschlägen helfen", erklärt der Richter. "Es geht uns darum, dass Sie nicht mehr allein rumbutschern." Allein sei er ja nicht, korrigiert Rainer B. "Da ist ja noch mein Hund. Der ist zu Hause und wartet auf mich." Der Mann kann es kaum abwarten, zurück in seine Wohnung zu kommen - zu Monti, seiner winzigen Familie.

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