Ein Porträt italienischer Saisonarbeiter der besonderen Art

Wie die Schwalben

Dokumentation: Eisleute.

ARD, 23.00 Uhr

Im Sommer lockt der sonnige Süden. Und wenn nicht, dann wenigstens das verführerisch leckere Eis aus dem italienischen Café nebenan, diesen "Orten mit südlicher Verheißung" (Hermann Hesse).

Was da so locker und mediterran erscheint, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als verblüffend traditionelle Welt, wie das Dokumentaristen-Paar Hannelore Conradsen und Dieter Köster in ihrer liebevollen Dokumentation über die "Eisleute" feststellt. Zwar machte das erste Eiscafé bereits 1672 in Paris auf, doch die wahren Künstler kommen aus Italien. Seit 140 Jahren stammen die meisten der "Gelatieri" aus drei Tälern Venetiens südlich von Cortina. So auch der "Italo-Schwabe" Gabriele Soravia, der Held dieses Porträtfilms. Von ihm sieht man erst mal nur die Schwielen am Fuß, er macht in seinem Baiersbronner Eiscafé zehn Kilometer an 14 Stunden täglich, acht Monate lang.

Dann taucht Soravias Stammgast, ein lokaler Friseur, auf, der sich zwischendrin öfter mal einen Espresso gönnt. Und schon ist die erste Überraschung perfekt. Längst sind manche Deutsche "italienischer" als die südländischen Emigranten, die hart arbeiten, auf engstem Raum mit ihren Saisonarbeitern leben und wie Gabriele traurig an ihre daheim gebliebene Familie denken müssen.

Gabriele ist aber vor allem auch ein charmanter Lebenskünstler, der sich von den neugierigen Reportern nicht in den Eis-Bottich gucken lässt, immer mit freundlicher Geste zupackt und im Oktober mit anderen Eismännern auf spektakuläre Weise wie die Schwalben in seine andere Heimat verschwindet. Auf dem Rennrad, auf zweitausend Metern Höhe, fällt der Sommerstress ab, und bei der Ankunft feiert das ganze Dorf ein Fest der Rückkehr. In Gabriele, dem Italo-Schwaben, schlagen aber auch hier zwei Herzen. Längst hat er den teutonischen Sinn für Ordnung und Organisation verinnerlicht. Er lobt den "Grünen Punkt" und würde aus dem verdösten Bergdorf Conegliano gern ein Touristenzentrum machen.

Doch Gabriele erinnert sich auch an die Schattenseiten der Wanderarbeiterei. Einst hasste er die Deutschen, weil seine Eltern ihn ins Internat steckten, um dort Eis zu verkaufen. Nun sieht er die Dinge lockerer: "Deutsche lieben die Italiener und bewundern sie nicht. Wir bewundern die Fleißigen und lieben sie kaum." Als echte Euro-Nomaden erleben Gabriele und seine Helfer aber auch, was ist, wenn die Wirtschaft Völker wandern lässt und Gefühle.Und wie klein die Welt dennoch sein kann. In den Dolomiten traf der Autor Köster ein Ehepaar, das eine Eisdiele in seiner Heimatstadt besaß. Die Signorina brachte ihn hörbar in Verlegenheit mit der Frage: "Haben Sie Heimweh nach Osnabrück?" Wohl kaum, denn gleich nach dem Italien-Trip nahmen sich Köster / Conradsen den nächsten mobilen Mythos vor: den legendären "Orient-Express". DIETER DEUL

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.